The David Gribble Archive : Talks
Lernen freie Kinder genug?
Freiburg, 2006
Seite 2
Ja, ja sagen die Kritiker. Natürlich sind Kinder glücklich, wenn sie viel Zeit zum Spielen haben, aber lernen sie was? Wäre es nicht besser, nicht so glücklich zu sein, und mehr zu lernen? Was geschieht, wenn solche Schüler die Schule verlassen müssen, und sich in der grossen, weiten, bösen Welt befinden?
Ich möchte versuchen, einige Antworten darauf zu formulieren.
Es gibt zwei Argumente, die ich dazu benötige.
Das erste ist eine Gegenkritik. Das zweite ist keine wissenschaftlichen Forschung sondern einige wahrhaftige Beispiele aus dem Leben früherer Schülerinnen und Schüler.
Zuerst, die Gegenkritik.
Leute, die glauben, dass Kinder, die die ganze Zeit spielen, nichts lernen, haben vergessen, dass Kinder die ganze Zeit lernen, genau so sie gehen und sprechen gelernt haben. Zwei Dinge, die Kinder vom Lernen zurückhalten, sind Langeweile und Angst, und herkömmliche Schulen sind bezüglich Langeweile und Angst wirkliche Experten. Denken Sie an Ihre eigene Schulzeit zurück. Haben Sie nicht viele viele Stunden verbracht, indenen Sie auf Lehrer warten mussten? Oder in der Klasse sassen, ohne im Wenigsten darauf aufzupassen, was der Lehrer sagte, oder versuchen mussten, Listen zu lernen, die für Sie von keinerlei Interesse waren? Und hatten Sie nicht auch oft Angst? Vor dem Lehrer, vor dem Blössgestelltwerden, vor dem Zuspätkommen?
Selbst wenn Sie sehr erfolgreich in der Schule waren, viel spannendes gelernt haben und sich manchmal auf besondere Klassen gefreut haben, haben Sie nicht auch sehr viel Zeit verschwenden müssen?
Vor kurzem habe ich mir die folgende Frage gestellt:
Was kann ich jetzt, das ich in der Schule gelernt habe, und das mir wirklich nützlich gewesen ist?
Von dreizehn bis achtzehn war ich in Eton College, der berühmtesten Schule Englands, wo die Uniform ein Frack ist, und viele spätere Premierminister erzogen worden sind. In Eton lernte ich vieles, was nicht stimmte. Ich lernte zum Beispiel, dass ich nicht begabt für Musik war und weder singen noch Klavier spielen konnte. Ich lernte, dass ich nicht viel wert war, weil ich kein Sportler war. Ich lernte, dass es wichtiger ist, den ungeschriebenen Regeln der Studenten zu gehorchen, als den geschriebenen Regeln der Schule. Ich lernte: wer Macht hat, braucht nicht gerecht zu handeln.
Eine kleine Geschichte dazu. Ein Lehrer, namens Mr. Rowe - es ist bedeutsam, dass ich mich an seinen Namen erinnere - hatte eine grosse Zeichnung, die ich in einer Naturwissenschaftsstunde gemacht hatte, zusammengeknüllt und in den Papierkorb geworfen. Er sagte, es hätte keinen Namen darauf gestanden. Ich beklagte mich und sagte ihm, dass mein Name doch auf der Zeichnung stünde. Ich musste vor die Klasse treten und meine Zeichnung aus dem Papierkorb heben und auf einem Tisch ausbreiten. Da stand oben rechts mein Name. "Zu klein," sagte der Lehrer, und ich musste zurück zu meinem Platz.
Und noch eine Geschichte. In einer anderen Wissenschaftsstunde bei Mr. Morris war mir schlecht und ich hob die Hand. Mr. Morris sprach einfach weiter und ich stand auf und ging vor die Klasse und stand vor ihm, die Hand immer noch hochgestreckt. Er ignorierte mich und sprach weiter. "Herr Lehrer," sagte ich, "mir ist schlecht." Keine Reaktion. Ich lief zur Tür und kotzte. Mr. Morris sah mich an, wandte sich an die Klasse und sagte, "Das war ein perfektes Beispiel von retrograder Peristalsik." Ich kenne den Ausdruck noch auf Englisch.
Eton war natürlich eine altmodische Schule, und wir mussten mehr lernzeit mit Lateinisch und Griechish verbringen, als für alle anderen Fächer zusammen. Ich habe fast alles vergessen. Ich habe auch Deutsch studiert - Aha, das ist gelungen, werden Sie hoffentlich denken - aber nein, es war nicht gelungen. Obwohl ich meine Prüfungen bestand, wagte ich es nicht, als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam, Deutsch zu sprechen. Ich konnte ein bisschen lesen und übersetzen, und ich wusste "liegen, liegt, lag, gelegen" zu sagen, und "schwimmen, schwimmt, schwamm, geschwommen", aber das war nicht, was ich für alltägliche Gespräche brauchte.
Ich habe auch einige Listen gelernt, wie zum Beispiel "Durch, für, ohne, gegen, wider, um," die Präpositionen, die man immer mit Akkusativ braucht, und auch "The spirit of god and the body of man and the worm in the place at the edge of the wood". Wenn man diese Wörter auf deutsch übersetzt, hat man eine Liste von den männlichen Substantiven, die die Mehrzahl mit -er und womöglich mit Umlaut formen. Wenn ich später zögere, werden Sie verstehen, dass ich eine von diesen Listen schnell überprüfe, um keinen Fehler zu machen.
Das habe ich gelernt, aber es war meistens gar nicht nützlich. Also, was habe ich wirklich Nützliches in der Schule gelernt?
Lesen, schreiben und rechnen - aber ich habe viel mehr Mathe in der Schule gelernt, als ich je benutzt habe.
Deutsch und Französisch - aber wie gesagt, als ich mein Abitur gemacht hatte, wagte ich es nicht ein Wort zu sagen.
Klavierspielen - aber ich habe auch gelernt, dass ich nicht Klavier spielen konnte, was eigentlich nicht stimmte.
Geschichte? Als ich neun Jahre alt war, interessierte mich sehr für Geschichte. Als ich vierzehn Jahre alt war, war Geschichte das Fach, das ich am meisten hasste.
Geographie? In Eton stand Geographie nicht auf dem Stundenplan, um mehr Zeit für Lateinisch und Griechisch zu haben.
Naturwissenschaft? Ich verstehe den Ausdruck "retrograde Peristaltik". Sonst ein klein wenig Physik, z. B. über Magneten, Licht und Hebelkraft, was ich in einer Stunde hätte lernen können.
Und was habe ich gelernt, das mir wirklich nützlich gewesen ist, das ich nicht in der Schule gelernt habe?
Als Vater meine Kinder zu begleiten.
Kochen.
Autofahren.
Musik schreiben.
Saxophon spielen.
Lieder komponieren.
Verschiedene Kartenspielen.
Einen Schrank zusammenzubasteln und nachher anzumalen.
Lehren - ich bin nie als Lehrer trainiert worden.
Kreuzworträtsel erfinden.
Bücher schreiben.
Und in der Schule hatte ich gelernt, dass ich nur ein kluger Clown war, nicht viel wert, und als ich achtzehn Jahre alt war, hatte ich wenig Selbsvertrauen, wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen wollte, las selten ein Buch und ahmte in bezug auf Kleider, Interessen und Lebensweise meine Freunde nach. Ich fühlte mich abenteuerisch, wenn ich eine Fliege trug oder wagte in ein Jazzclub zu gehen. Kein Abiturient von einer demokratischen Schule wäre so unsicher und so naiv gewesen.
Aber, sagt der kritische Mensch, Kinder müssen doch ihre eigene Kultur kennen lernen, und dazu müssen sie Geschichte und Geographie und Naturwissenschaft und alle andere Fächer studieren. Sonst werden sie nicht weiterkommen, wenn sie mit der Schule fertig sind. Und ich antworte, dass ich nur sehr wenig Geschichte und Naturwissenschaft und Geographie in der Schule gelernt habe, weil ich so viel Lateinisch und Griechisch lernen musste, und bin doch ziemlich gut weitergekommen.
Das Lateinisch und das Griechisch habe ich ausserdem meistens vergessen.
|