The David Gribble Archive : Talks
Lernen freie Kinder genug?
Freiburg, 2006
Seite 3 
Mein Kritiker hat auch folgendes übersehen: wenn ein Lehrer etwas lehrt, heisst das nicht, dass seine Schüler es lernen. Obwohl ein Lehrer seine Schüler alles gelehrt hat, was sie für eine Prüfung brauchen, werden einige doch durchfallen. Als mein jüngster Sohn acht Jahre alt war, hat er erklärt, "Als ich sechs Jahre alt war, hat meine Lehrerin mir lesen beigebracht, aber es hat nicht geklappt." Meine viele verschiedene Geschichtslehrer haben mir Geschichte gelehrt, aber was ich gelernt habe, war nur, dass ich mich nicht für Geschichte interessierte.
Viele Erwachsene finden es schwer zu glauben, dass Kinder irgendetwas ohne Hilfe eines Lehrers lernen können. Wenn Kinder spielen, glauben sie, lernen sie nichts. Wenn sie auf der Schulbank sitzen, und ein Lehrer redet, so lernen sie was.
Ich war eine Woche in Tamariki, der Schule in Neuseeland, die ich schon erwähnt habe,. Eine meiner vergnüglichsten Erfahrungen ergab sich aus der Begeisterung einer Gruppe acht- bis zehnjährige Mädchen für eine Videoaufnahme der BBC-Produktion von Stolz und Vorurteil, von Jane Austen. Ein Mädchen hatte sie in die Schule mitgebracht, und alle hatte sie mehrere Male gesehen. Sie kannten die Geschichte und die Charaktere gut; also hatten sie beschlossen, ihre eigene Videoaufnahme zu machen. Da ich in der Schule war und Klavier spielen konnte, beschlossen sie, die Ballsaalszene sofort zu drehen. Das erste war, sich entsprechend anzuziehen, und mit dem üblichen zufällig vorhandenen Kleidervorrat, den es in der Schule gab, gelang es ihnen, eine überraschende Übereinstimmung mit den Moden von der Zeit von Jane Austen zu erzielen. Sie stellten sich in zwei Reihen im Versammlungsraum auf, und ich sass am Klavier. Tanzmusik aus dem frühen 19. Jahrhundert ist nicht gerade das, was ich normalerweise speile, aber ich tat mein Bestes, einen einfachen improvisierten Volkstanz in Phrasen von vier Taktstrichen zu spielen, und los ging es.
Vier oder fünf Durchgänge reichten aus, um den Tanz einzuüben, der ziemlich gut lief und sofort auf Video aufgenommen wurde. Der ganze Prozess hatte nicht einmal eine Stunde gedauert. Zwar könnte niemand das Ergebnis als tadellos bezeichnen, doch die Sache hatte grossen Spass gemacht und sollte offensichtlich jedem noch lange Zeit in Erinnerung bleiben.
All das geschah vollkommen ohne die Unterstützung der Lehrer. Die Kinder hatten stundenlang die Video angesehen, ohne dass ein eifriger Lehrer irgendetwas dagegen hatte, und dann hatten sie sich verkleidet - nur gespielt, würde mein Kritiker sagen - und später getanzt. Es ist ausserordentlich schwer für Erwachsene, zuzugeben, dass Kinder ohne Leitung lernen können, aber hier war ein klares Beispiel von effektivem Lernen. Wenn ein Lehrer diesen so jungen Menschen "Stolz und Vorurteil" hätte beibringen wollen, wäre es sicher nicht so gut gelungen, und einige hätten wahrscheinlich nachher geschworen, nie wieder ein Buch von Jane Austen anzutasten.
Eine ähnlich kritische Einstellung sieht man zum Beispiel beim Dammbauen. Wenn ein Erwachsener einer Klasse zeigt, wie man einen Damm baut, so ist es Arbeit, und die Kinder lernen: wenn Kinder die Dämme in einem Bach allein bauen, dann ist es ein Spiel und sie lernen nichts. Aus irgendwelchem Grund ist das Gegenteil schwer zu akzeptieren.
Als Lehrer habe ich mich in demselben Fehler erwischt. Ein Mädchen in meiner Klasse von zehnjährigen hat mich gefragt, ob sie hinausgehen durfte, um eine Blume zu finden, und sie nachher zu zeichnen. Nein, habe ich gesagt. Und dann drei Tage später habe ich die ganze Klasse hinausgeschickt, um Blumen zu finden, die sie später zeichnen sollten. Es ist für Erwachsene, und insbesondere für Lehrer, wirklich sehr schwer, die einfache Idee zu akzeptieren, dass Kinder auch ohne Lehrer lernen können.
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