David Gribble : Education for Freedom Respect Children
     
Respect Children

 

The David Gribble Archive : Talks

Lernen freie Kinder genug?

Freiburg, 2006
Seite 4

Education for Freedom : Lernen freie Kinder genug? Ich muss zugeben, dass es Schüler in demokratischen Schulen gibt, die weniger im akademischen Sinn lernen, als sie in einer normalen Schule lernen würden. Sie lernen viel über soziale Beziehungen, über ihre eigenen Interessen und über die Lösung von Problemen, aber weniger in den gewöhnlichen schulischen Fächern. Aber obwohl ich zugeben muss, dass einige Schüler in demokratischen Schulen weniger lernen, als sie anderswo lernen würden, lernen andere viel mehr. Kinder, die in normalen Schulen total versagt haben, lernen oft schnell, wenn sie in eine demokratische Schule kommen.

Ich gebe ein Beispiel vom weniger Lernen. In England müssen die meisten Schüler Prüfungen in zehn bis vierzehn verschiedenen Fächern machen, wenn sie sechzehn Jahre alt sind. In Sands School, die eine demokratische Schule ist, machen sie meistens nur fünf bis acht oder neun. Aber fünf gute Ergebnisse sind genug, wenn man an einer Hochschule weiterlernen möchte. Es hat keinen Zweck, Fächer zu studieren, für die man kein Interesse hat. Man wird sowieso fast alles schnell vergessen.

Mein Kritiker hat noch einen Einwand. Man muss lernen, sagt er, Sachen zu tun, die einem gar keinen Spass machen. Später, wenn sie erwachsen sind, werden die Kinder viele Sachen tun müssen, die gar keinen Spass machen, und je früher man das lernt, desto besser. Und vor allem müssen sie lernen, durchzuhalten, weil es Kindern an Ausdauer fehlt.

Diese Einstellung enthält zwei Fehler. Erstens, warum soll man in der Gegenwart unglücklich sein, um sich auf das Unglücklich-Sein in der Zukunft vorzubereiten? Und zweitens, Kinder halten unglaublich lange durch, wenn sie interessiert sind. Denken Sie an das Baby, das ein Spielzeug immer wieder auf den Boden fallen lässt, so dass seine Mutter es wieder aufheben kann. Die Mutter wird zuerst aufgeben wollen. Viele Kinder lernen stundenlang Computerspiele, für die Erwachsene nicht genug Geduld haben. Um Skateboardtricks zu lernen, wollen Jugendliche wochenlang üben. In der Schule fehlt es ihnen nicht an Ausdauer, sondern an Interesse.

Diese Kritik an dem Kritiker fasse ich jetzt kurz zusammen. Erstens ist das, was man als Fach in der Schule lernt, oft nicht nützlich im späteren Leben; zweitens, heisst in einer Klasse sitzen nicht unbedingt lernen und drittens lernt man oft besser ohne Lehrer.

Ich wiederhole: Kinder in demokratischen Schulen sind fast alle glücklich und selbstbewusst.

Und die Kritiker wiederholen, "Natürlich sind Kinder glücklich, wenn sie viel Zeit zum Spielen haben, aber lernen sie was? Wäre es nicht besser, nicht so glücklich zu sein, und mehr zu lernen? Was geschieht, wenn solche Schüler die Schule verlassen müssen, und sich in der grossen, weiten, bösen Welt befinden?"

In einer Broschüre über Summerhill, der bekanntesten und ältesten demokratischen Schule auf der Welt, findet man den folgenden Abschnitt:

Wie geht es den Schülern, wenn sie Summerhill verlassen haben?

Sie gehen in Hochschulen weiter, oder sie machen eine Lehrzeit, oder arbeiten, oder reisen. Wie berichtet ein früherer Schüler:

"Wenn sie [die Inspektoren aus der Regierung] irgendeinen Zweifel über den Ort haben, soll die Regierung nur darauf achten, was wir, die Summerhiller, geworden sind. Wir sind Künstler, Schriftsteller, Professoren, Naturwissenschaftler, Soldaten, Verwaltungsbeamten, Theologen, Bankiere, Musiker, Zimmermänner, Landschaftsgärtner, Besitzer von kleinen Geschäften. Wir haben allerlei akademische Grade. Wir nehmen an die Wahlen teil. Wir sind genau die nützlichen Menschen, die ihre Lehrpläne produzieren sollen. Und dazu noch sind wir glücklich und fruchtbar."

Es gibt leider noch keine wissenschaftliche Forschung über die Laufbahnen von früheren Schülern von demokratischen Schulen, es gibt nur einzelne Geschichten. Als Dartington Hall School, wo ich lange Lehrer war, in 1987 geschlossen wurde, habe ich ein Buch herausgegeben, worin frühere Schüler ihre Erinnerungen und Überlegungen schrieben. In der Einleitung habe ich gesagt:

Es [dieses Buch] ist kein von wohlmeinenden Lehrern geschriebener Bericht über die Wirkung, die Schule auf seine Schüler haben sollte; es ist ein Bericht über die Wirkung, die sie wirklich hatte, von den Schülern selbst geschrieben. Obwohl es gewissermassen als Denkmal für die Schule sein soll, ist es keine Lobrede; es beschreibt Fehler sowie auch Erfolge.

In diesem Buch gibt es einen Beitrag für fast jedes Jahr des Daseins der Schule, das heisst von 1926 bis 1987.

12345678 << VorherigeNächste>>