The David Gribble Archive : Talks
Demokratische Schule - (Wie) geht das?
Vienna, 2004
Seite 2
Hoffentlich ist der Unterschied zwischen diesen zwei Einstellungen klar, ohne dass ich versuche, noch etwas dazu zu sagen.
Ich werde jetzt sehr verschiedene Beispiele von Erziehung beschreiben, die für mich trotz der Verschiedenheiten noch echt demokratisch sind. Diese Verschiedenheiten werde ich in fünf Gruppen austeilen - erstens in Bezug auf Lernstunden, zweitens Regeln, drittens Selbstregierung, viertens Strafen und fünftens Schulpflicht.
In Bezug auf Lernstunden, zuerst zwei Beispiele von entgegengesetzten Enden des Spektrums.
In Sudbury Valley, in Massachusetts in den Vereinigten Staaten, kommen sie völlig ohne Schulstunden aus. Wenn man etwas lernen will, muss man entweder allein oder mit Freunden lernen, oder man muss einen älteren Mensch finden, der dabei helfen kann. Ich habe vier Tage dort verbracht, und für hundert fünfzig Schüler habe ich nur folgende Stunden herausgefunden - eine Karate-Stunde, eine Geschichtsstunde, eine Französischstunde mit drei Schülerinnen und eine Sitzung im Labor, in der drei Mädchen unter den Augen einer diplomierten Biologielehrerin ein Eichhörnchen häuteten, um es später auszustöpfen. Die anderen StudentInnen lasen, spielten, malten, arbeiteten oder spielten mit Computers, machten Musik oder sprachen miteinander. Die Begründer glauben, dass man die Entwicklung eines Kindes beschädigt, nicht nur wenn man auf etwas besteht, sondern auch wenn man nur einen Vorschlag macht. Ein Kind weiss, was es braucht, und man soll sich nicht einmischen. Trotz (oder darf ich sagen 'wegen') dieser Einstellung gehen mehr als die Hälfte auf Universitäten.
Und jetzt das Gegenteil, das meiner Meinung nach noch demokratisch ist. Die Doctor Pedro Albizu Campos Puerto Rican High School in Chicago ist in einer Gegend, wo Gangsterbanden mit Schusswaffen kämpfen. Zwölf- und Dreizehnjährige tragen Gewehre und töten einander. Vergewaltigung ist innerhalb der Gangsterbanden alltäglich. In diese Oberschule kommen junge Leute, die dieser Umgebung entkommen wollen. Hier glaubt man, dass eine strenge Struktur notwendig ist, weil es ausserhalb der Schule gar keine Struktur gibt. Es gibt einen tagelangen Stundenplan, und alle müssen an allen Stunden teilnehmen. Was mich erstaunt hat, ist, dass trotz dieser anscheinend unterdrückenden Struktur die Beziehung zwischen Erwachsenen und Studenten ausgezeichnet ist. Ich sah zum Beispiel die Schulleiterin sich mit einem neunzehnjährigen Student in der Halle balgen, und die beiden lachten hellauf und hilflos.
Zwischen diesen zwei Modellen findet man allerlei Variationen.
In Countesthorpe College in England, einer staatlichen Gesamtschule mit vierzehn hundert SchülerInnen, hatte jeder Schüler einen individuellen Lehrplan. (Ich sage 'hatte", weil mitten in den 1970er Jahren hat ein neuer Schulleiter alles auseinandergemacht.) Darauf standen einige normale Lernstunden, aber auch viel Zeit für 'Team time', wo die SchülerInnen ihre eigene Studien mit gelegentlicher Hilfe von einem Team von LehrerInnen führten; dabei verbrachten sie oft ganze Tage ausserhalb der Schule. Ich habe einige Tage in der Schule verbracht. Während meines Besuchs wollte ich die Rolle eines Schülers spielen. Ich nahm teil an einige Schulstunden, und weil die Anderen viel Zeit mit ihren eigenen individuellen Projekten verbrachten, musste ich auch ein Projekt haben. Mein Projekt bestand darin, andere Schüler bei ihrer Arbeit zu interviewen. Ich ging von einem Tisch zum anderen und vermied es, Leute zu unterbrechen, die gerade vollkommen in das vertieft waren, was sie taten. Jeder, mit dem ich sprach, war zufrieden mit der Arbeit, die er oder sie gemacht hatte, und alle sprachen gerne mit mir darüber. Das Niveau war selbst unter den weniger Begabten hoch, und das Ausmass an Arbeit war erstaunlich. Die Jugendlichen hatten offensichtlich an Dingen gearbeitet, die sie wirklich interessierten, und daher hatten sie viel gelernt, und wurden es wahrscheinlich nie vergessen.
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