David Gribble : Education for Freedom Respect Children
     
Respect Children

 

The David Gribble Archive : Talks

Demokratische Schule - (Wie) geht das?

Vienna, 2004
Seite 3

Happy at School : Demokratische Schule

In den meisten demokratischen Schulen, wo die SchülerInnnen nicht so viel akademische Freiheit haben, und es einen gemeinsamen Lehrplan gibt, haben die SchülerInnen noch das Recht, die Fächer zu wählen, die sie studieren wollen, und oft auch das Recht, eine Klasse zu versäumen, wenn etwas Interessanteres vorkommt. Für die LehrerInnen ist das immer leichter, weil sie unter einem solchen System keine widerwillige SchülerInnen in ihren Klassen kontrollieren müssen.

Stephen Rowland, dessen Buch The Enquiring Clasroom sehr interessant ist, beschreibt darin zwei entgegengesezte Lehrmethoden. Bei der ersten entscheidet der Lehrer, welche Fertigkeiten die Kinder erwerben sollen, und er wählt Aufgaben aus, mit deren Hilfe diese Fertigkeiten entwickelt werden sollen. Die Kinder führen die Aufgaben mehr oder weniger bereitwillig aus, und man nimmt an, dass sie so die damit verbundenenen Fertigkeiten erworben haben. Dann wählt der Lehrer neue Ziele aus und legt neue Aufgaben fest. Bei der zweiten Methode wählt das Kind eine Aktivität aus und verfolgt sie so lange, wie das Interesse andauert, das es motiviert, sich dieser Aufgabe zu widmen. Die Aktivität kann dann zu anderen Aktivitäten führen; sie kann zu einer Auswahl führen, oder sie kann ruhigen Gewissens fallengelassen werden, während das Kind nach etwas Ausschau hält, das direkterer Relevanz für es besitzt. Alle Fähigkeiten, die das Kind erwirbt, werden zufällig erworben. Der Lehrer ist nur als Kollege oder Forschungsassistent präsent; das Kind leitet sein eigenes Lernen an.

Jeder sieht die Risiken, die dieser zweite Ansatz in sich birgt. Vielleicht wird das Kind nie lesen und schreiben, buchstabieren und addieren lernen; vielleicht wird es sich allerlei nötiges Wissen nie beibringen. Die Nachteile des ersten Ansatzes werden weniger bereitwillig anerkannt; oft werden durch die vorgegebenen Übungen nicht die Fertigkeiten entwickelt, die durch sie entwickelt werden sollen; vielleicht werden einige Kinder die Zielsetzung der vorgegebenen Arbeit nicht begreifen, manchmal werden einige Kinder vollkommen davon abgebracht werden, sich mit den Lehrfächern zu beschäftigen, da sie der Überzeugung sind, dass die Themen entweder langweilig und unverständlich sind oder dass sie selbst zu dumm sind, um sie wertzuschätzen.

Sudbury Valley ist rückhaltlos für die freie Wahl. Ich habe viele andere Schulen gesehen, die ihr so halbwegs folgen. In der demokratischen Schule von Hadera in Israel können die Kinder entscheiden, was sie tun wollen, aber es gibt auch einen sehr interessanten Lehrplan, und die meisten wählen mindestens einige Stunden davon. In der Pesta von Rebeca und Mauricio Wild in Ecuador haben die Kinder eine freie Wahl, aber die Wahl nimmt innerhalb einer vorbereiteten Umgebung statt. In Tokyo Shure gibt es einen freiwilligen Lehrplan, der sich jeden Monat ändert, als die SchülerInnen neue Fächer verlangen können.

Die meisten Nachteile, die viele Leute dem freien Systems zuordnen, kommen nicht vor. Alle wollen lesen und schreiben lernen, und viele lernen es ohne Unterricht. Die Nachteile des herkömmlichen Systems sind aber wirklich gefährlich. In einer Schule wie Sands, wo der Lehrplan ziemlich konventionell ist, arbeitet jeder doch für sich selbst und die LehrerInnen wissen, wie die schlechtesten Auswirkungen vermieden werden können. Beide Methoden kann man in demokratischen Schulen finden.

Jetzt geht es um Regeln.

Summerhill und Sudbury Valley sind vielleicht die bekanntesten freien Schulen auf der Welt, und Sudbury Valley ist wirklich extrem in Bezug auf Lernfreiheit, aber in den beiden Schulen gibt es buchstäblich Hunderte von Regeln. Sie werden alle von der Schulversammlung aufgestellt, aber nichtsdestoweniger sind sie Regeln, denen all gehorchen müssen. Trotz dieser Menge an Regeln, fühlen sich die Schüler ganz frei. Wenn man ein Kind fragt, welche Eigenschaft der Schule die Wichtigste ist, wird es fast immer die Freiheit erwähnen.

Die Jugendlichen von der Krätzä haben Summerhill und Sands besucht, und danach diese Frage genau untersucht. Hier zitiere ich von ihrem Bericht über ihre Besuche.

Es drängte sich die Frage auf, ob es tatsächlich so viele Regeln [wie in Summerhill] geben muss oder ob oft nicht eher nach 'gesundem Menschenverstand' und den individuellen Bedürfnissen der jeweils Beteiligten entschieden werden kann, nicht zuletzt, weil ja bei Mehrheitsentscheidungen die Bedürfnisse Einzelner bzw. der Minderheit nicht berücksichtigt werden.

Oder ob Selbstverständlichkeiten wirklich per Gesetz geregelt werden müssen. Schulgesetze wie Nummer 109 'Man darf nicht über die Tische im Essenraum laufen,' Nummer 160 'Man darf keine Steine auf Leute werfen' oder Nummer 124 'Man darf nicht mit Keksen im Essenraum rumwerfen' konnten den Effect haben, dass dann alle anderen Fälle auch geregelt werden müssen, weil sonst Schüler über die Tische im Büro laufen, Leute mit Stöcken bewerfen oder die Kekse eben durch den Flur schmeissen. . .

Alle diese Fragen stellten sich noch heftiger beim Vergleich von Summerhill mit der Sands Schule in Ashburton, in der das Leben ohne ein solches Regelwerk und die dazugehörigen Strafen, sondern nur mit innigen mündlich getroffenen Verabredungen hervorragend und in sehr freundlicher und angenehmer Atmosphäre funktioniert.

Beim drüber Reden und Nachdenken ergaben sich einige Überlegungen, die sie möglicherwiese als Antwort eignen, warum die Summerhillians sich genau diese Schulgesetze gegeben haben:

– Ungefähr 25% der Gesetze betreffen Angelegenheiten, die sich aus dem Internatsleben ergeben.

– Die Schüler bewegen sich frei auf dem Schulgelände. Es gibt viele Zeiten und Orte ohne unmittelbare Anwesenheit von Erwachsenen, die zur Not vermitteln oder eingreifen könnten. Das Gesetzeswerk schafft hier Orientierung.

– Zahlreiche Regeln legen fest, was unterschiedliche Altersgruppen dürfen.

– Die Altersspanne der Schüler in Summerhill ist im Gegensatz zu Sands sehr gross. Auch sehr junge Kinder sind dort, die möglicherweise die Folgen bestimmter Handlungen noch nicht übersehen und für die eine klare Regel eine gute Hilfe sein kann.

– Vor allem: Das Leben muss praktisch funktionieren. Es ist in einer Gemeinschaft von 70 bis 80 Menschen nicht möglich – wie es eigentlich wünschenswert wäre und wie es in der Familie oder in kleineren Gruppen eher möglich ist – alles jederzeit mit jedem Einzelnen neu zu verhandeln.

 

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