The David Gribble Archive : Talks
Demokratische Schule - (Wie) geht das?
Vienna, 2004
Seite 5

Obwohl das nicht sehr demokratisch im politischen Sinn ist, gibt es in der Pesta ein Respekt für jedes individuelle Kind, das in meinem Sinn ganz demokratisch ist.
In meiner Erfahrung gibt es also viele verschiedene Arten demokratische Regierung in Schulen. Hier auch gibt es keine endgültige Methode.
Gibt es vielleicht eine allgemeine Meinung in Bezug auf Strafen?
Die meisten Schulen, die Regeln haben, haben auch Strafsysteme für solche, die die Regeln brechen. Dartington Hall School versuchte im Gegenteil Strafen zu vermeiden, und Sands School gleichfalls.
In der Barbara Taylor School in New York sagten sie, dass alle füreinander verantwortlich sind, und ein Misserfolg derjenige der Schule und nicht derjenige des Kindes ist. Deswegen sollte man kein Kind strafen. Die schlimmste Strafe ist Ausschluss, und Ausschluss beraubt Kinder der einzigen Umgebung, die für sie therapeutischen Wert hat.
In der Kleingruppe Lufingen von Jürg Jegge in der Schweiz kamen nur Kinder, die schwere Probleme gehabt hatten, und da gab es weder Regeln noch Strafen.
Im Waisenhaus von Janusz Korczak in Warschau hatten sie ein Strafgesetzbuch. Einmal in der Woche wurden fünf Richter ausgewählt, und sie hatten über die wichtigsten Angelegenheiten zu entscheiden. Sie konnten den Freispruch erwirken oder eine Strafe verhängen. Die schlimmste Strafe war Nummer 1000, und die mildeste Nummer Hundert.
Ich zitiere:
'Wenn die Richter behaupten, dass jemand etwas Böses getan hat und seine Tat unter Nummer 1000 fällt – dann heisst das, dass er 'Unser Haus" verlassen muss.'
Und später - 'Wer Nummer 600 bekommt, der muss an der Tafel öffentlich bekanntgeben, dass er Unrecht getan hat.'
Und schliesslich - 'Nummer 100 ist die geringste Strafe; das Gericht verkündet nur, dass man nicht vergeben kann.'
Nachher schreibt Korczak,'Im Warschauer "Waisenhaus" besteht das Gericht schon seit zwei Jahren, und nur einmal wurde das Urteil nach 1000 und nur zweimal nach 600 verkündet. Denn die Richter sind selbst Kinder und wissen, wie schwer es ist, kein Unrecht zu tun, and sie wissen auch, dass sich jeder bessern kann, wenn er nur will und sich ernstlich bemüht.'
Und David Wills, der verschiedene Schulen für Kinder mit verschiedenen Problemen mitten im letzten Jahrhundert geleitet hat, hat seine Gründe, Bestrafung zu vermeiden, in seinem Buch The Barns Experiment klar ausgelegt.
1.Bestrafung stellt einen gemeinen Beweggrund für gutes Benehmen dar.
2. Man has es mit Bestrafung schon versucht, und es ist fehlgeschlagen; beziehungsweise hat man Bestrafung in der Vergangenheit so missbraucht, dass sie jetzt ihren Zweck verfehlt.
3. Sie verhindert das Wachsen einer Beziehung zwischen Personal und Kindern, die wir für nötig halten - eine Beziehung, bei der das Kind empfinden muss, das es geliebt wird.
4. Viele straffällige Kinder (und Erwachsene) suchen Strafe als Mittel, um ihr Schuldgefühl zu lindern.
Aber das ist nicht alles; es gibt noch einen Grund. Wenn der Schuldige für sein Verbrechen gezahlt hat, kann er ein neues mit klarem Gewissen kaufen.
Den wichtigsten Grund, aber, hat er anderswo gegeben, und als ich es das gelesen habe, habe ich es nicht gut verstanden. 'Bestrafung,' hat er gesagt, 'verschiebt die Verantwortung auf den Erwachsenen, statt sie beim Kind zu lassen.' Man braucht einen Augenblick, das zu verstehen. Ich wiederhole. 'Bestrafung verschiebt die Verantwortung auf den Erwachsenen, statt sie beim Kind zu lassen.'
Als ich noch in der Sands School arbeitete, hat ein Mädchen mehrmals ziemlich zwecklose und böswillige Diebstahle begangen. Sie hat zum Beispiel die Brille vom Hausmeister geklaut, der ohne Brille fast blind war, und einige Ringe von einem anderen Mädchen gestohlen, für die sie einen gefühlsmässig grossen Wert hatten. Jedesmal wurde die Sache schliesslich klar, aber immer waren die Betroffenen grossmütig und keine Strafe wurde ausgeteilt. Nachdem sie die Schule verlassen hat, habe ich sie auf der Strasse getroffen, und wir haben über die Schule gesprochen. Sie hat mir gesagt, dass wenn sie nicht in Sands gewesen wäre, sässe sie jetzt sicher im Gefängnis.
Wie David Wills würde ich selbst immer Strafen vermeiden, aber ich muss zugeben, dass es möglich ist, dass Strafen in einer politisch demokratischen Schule ausgeteilt werden können. Ich zitiere aber gern die Worte von David Horsburgh, der Neel Bagh, eine kleine Schule auf dem Land in einer armen Gegend von Indien, begründet hat:
'Es werden keine Strafen verhängt, weder als Vergeltung für ein angebliches Vergehen, noch als Abschreckung für ein zukünftiges. Es gibt auch keinen Schulrat, der Strafen verhängt, die der Lehrer nicht selbst austeilen möchte.'
Noch einmal keine Übereinstimmung.
Werden alle wenigstens auf Schulpflicht bestehen?
Nein.
Viele, sogar der freiesten Schulen, bestehen auf Schulpflicht. Unterricht möchte wohl freiwillig sein, aber man muss doch jeden Tag in die Schule kommen. Die Regel ist vielleicht nicht sehr wichtig, weil fast alle SchülerInnen in die Schule kommen wollen, aber die Regel existiert, selbst in Sudbury Valley.
Die Krätzä, die Kinderrächtszänker aus Berlin, behaupten im Gegenteil, dass Schule ein Recht aber keine Pflicht sein soll. Das ist ja schön, aber ich meine, dass, wenn die Schule eine sogenannte demokratische Schule ist, Schulpflicht keine Bedeutung hat, weil die SchülerInnen in der Schule glücklich sind, und immer hinkommen wollen. Ein Schüler von Sands School in England hat folgendes geschrieben. Ich habe ähnliche Meinungen von Schülerinnen in vielen anderen Schulen auch gehört.
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