The David Gribble Archive : Talks
Demokratische Schule - (Wie) geht das?
Vienna, 2004
Seite 6

Die Sands-Schule bedeutet mir sehr viel; hauptsächlich bedeutet sie, Erziehung zu geniessen und sie nicht länger als 'zwanghafte Tortur' anzusehen. Ich bin früher morgens immer aufgewacht und habe mir gesagt: 'Verdammt noch mal! Heute muss ich wieder zur Schule gehen.' Aber jetzt, wo ich in Sands bin, wach ich an einem Montag morgen auf und sage zu jedem, der es hören will: 'Ja! Eine weitere Schulwoche liegt vor mir! Toll!' Ich geniesse es wirklich, dort zu sein.
Ein neuer Schüler in Jürg Jegges Kleingruppe Lufingen in der Schweiz hat seine erste Woche so beschrieben:
Ich bin heute die erste Woche wieder in der Schule gewesen. Es ist für mich etwas ganz Neues. Ich habe bis jetzt zehn Schuljahre gehabt, aber noch nie habe ich eine solche Woche erlebt. Für mich war die Schule immer etwas, wo ich mich überhaupt nicht wohl fühlte. Ich hatte richtig Angst vor ihr. Auch wenn ich erst die erste Woche hier bin, fühle ich mich schon ziemlich wohl. Ich spreche zwar wie in allen andern neuen Sachen nur das Nötigste. Auch stört es mich überhaupt nicht, wenn jemand von den Mitschülern sagt: 'Sag doch auch mal was.' Früher hätte ich mich dann am liebsten in den tiefsten Keller verkriechen können. Für mich ist diese Schule so neu, dass ich es gar nicht glauben kann, dass es so etwas gibt. Ich freue mich richtig auf die Schule. Schade ist, dass die Stunden so schnell vergehen.
Schulpflicht scheint also, gar nicht nötig zu sein, und ich werde Ihnen zwei Beispiele beschreiben, wo man darauf verzichtet.
Sie haben vielleicht gehört, dass es viele Selbstmörde unter SchülerInnen in Japan gibt, die den Druck als unerträglich erfahren. Tokyo Shure ist eine Schule für Kinder, die sich weigern, in die Regelschule zu gehen. Sie können sie psychologisch nicht aushalten, sie werden krank. Die glücklichsten unter den Schulverweigern kommen in Tokyo Shure an. Sie werden eingeschrieben aber sie haben keine Pflicht, in die Schule zu kommen. Sie ist den ganzen Tag offen, mit einem Stundenplan voll von Fächern und Tätigkeiten, die die Schülerinnen selbst gewählt haben, aber gewöhnlich sind nur so ungefähr die Hälfte der eingeschriebenen SchülerInnen anwesend. Neue SchülerInnen möchten vielleicht nur einmal im Monat dahinkommen, aber es wird ihnen dort gefallen, und bald werden sie öfter und endlich wahrscheinlich jeden Tag kommen. Sie lernen, was sie lernen wollen. Einige gehen in Regelschulen zurück, einige gehen auf die Universität, einige finden ihre eigenen Wege.
In der Tokyo Shure gibt es also keine Schulpflicht. Für die Kinder, die die Strassenerzieher von Butterflies in Delhi besuchen, gibt es sogar eine Art Schulverbot. Sie sind Kinder, die auf den Strassen arbeiten; sie putzen Schuhe, tragen Koffer, sammeln Abfall, helfen Standbesitzern in den Märkten. Sie können ungefähr dreissig Rupies pro Tag bedienen, das heisst knapp genug zum Leben. Einige wohnen noch bei ihren Familien, und werden geschlagen, wenn sie nicht genug Geld nach Hause bringen. Andere wohnen wirklich auf den Strassen, und arbeiten, um zu essen. Und trotz dieser Probleme kommen sie noch zu den Strassenerziehern um zu lernen.
Die Strassenerzieher haben keine Klassenzimmer. Sie kommen mit einem großen Koffer voll Spiele, Hefte, Kreide und Ziegeln, Posters und einige Bücher an bestimmte Orte in Parks oder Märkten, und die Kinder können nehmen, was sie brauchen, und spielen oder lernen. Es kann also gar keinen Stundenplan geben; man kommt, wenn man will, und lernt was und wann man will. Die Straßenerzieher sind da, um zu helfen, nicht um zu zwingen; sie bieten manchmal besondere Tätigkeiten an, zum Beispiel Theatermachen oder Ausflüge, aber alles ist freiwillig. Freiwillig ist eigentlich ein zu schwaches Wort – man kommt nur dahin, wenn man es so herzlich wünscht, daß man riskieren will, dafür geschlagen zu werden.
Als meine Frau Lynette und ich Butterflies in 2001 besuchten, kamen so ungefähr acht hundert Kinder zu den Strassenerziehern. Wenn Kinder lernen wollen, gerade wenn es ein so starkes Lernverbot gibt, brauchen wir sicher keine Schulpflicht.
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