David Gribble : Education for Freedom Respect Children
     
Respect Children

 

The David Gribble Archive : Talks

Demokratie in der Schule: Beispiele und Perspektiven

Salzburg, 2004
Seite 2

Verschiedene Formen von Demokratie

Respect Children : Demokratie in der Schule Sudbury Valley in Massachusetts ist eine Schule für junge Leute von drei bis zwanzig Jahre alt. Als ich die Schule im Jahr 1994 besuchte gab es hundertfünfzig Schüler. Jetzt gibt es viel mehr als zwei hundert. In einer Richtung ist die Schule besonders frei und in einer anderen Richtung besonders formell. Formell, aber doch sehr demokratisch im gewöhnlichen Sinn.

Die Schule ist frei in Bezug auf das Lernen. Es gibt keinen Stundenplan, keinen Lehrplan. Die Erwachsenen sollen sogar keine Angebote machen. Wenn ein Kind ein gewisses Fach lernen will, muss es jemanden finden, Erwachsenen oder Kind, der ihm helfen kann und will, oder sonst allein oder mit Freunden arbeiten. Jeder kann nach seiner eigenen Art und Weise lernen. Die Jüngeren verbringen den größten Teil ihrer Zeit beim Spiel, und die Älteren beim Gespräch. Von denen, die ihre gesamte Schullaufbahn in Sudbury verbracht haben, sind mehr als die Hälfte auf Universitäten gegangen.

Vom Standpunkt gesellschaftlicher Organisation ist alles ganz anders.

Die Schule wird von einer Schulversammlung geleitet, die einmal pro Woche stattfindet, und an der sämtliche Lehrer und Schüler teilnehmen dürfen. Diese Versammlungen werden nach "Roberts' Rules" geregelt. "Roberts' Rules" ist ein dickes Buch, wo man eine Methode beschreibt, die für alle Arten Versammlungen passen soll. Es ist kein Buch für Kinder. Für alle möglichen Probleme ist ein genaues Verfahren vorgeschrieben. In der Folge werden die Versammlungen in Sudbury sehr streng von dem Vorsitzenden geleitet. Es gibt eine Tagesordnung, wozu man nichts während der Versammlung hinzufügen darf. Alles wird im Protokollbuch aufgeschrieben. Jede Entscheidung bekommt eine Zahl, und muss in der nächsten Versammlung bestätigt werden.

Es gibt auch ein Justizkomitee, das allerlei große und kleine Beschwerden über schlechtes Benehmen verhandelt. Daniel Greenberg, einer der Begründer der Schule, hat die Funktionsweise des JK in seinem Buch "The Sudbury Valley Experience" beschrieben. Er braucht mehr als eine ganze Seite.

Die Regeln sind auch sehr legalistisch ausgedrückt, zum Beispiel:

"Niemand darf wissentlich das Recht eines anderen verletzen, sich friedlich an Aktivitäten in der Schule zu beteiligen, die weder verbale noch körperliche Schikanierung beinhalten, solange die Aktivitäten den Beschlüssen der Schulkonferenz entsprechen."

Oder: "Fahrräder und andere Fahrzeuge mit Rädern - wie Go-Karts und Skateboards - müssen am Ende eines jeden Tages in Fahrradständern oder Lagerräumen, die von dem für die Instandhaltung der Gebäude Verantwortlichen ausgewiesen wurden, untergebracht werden."

Dieses JK verteilt auch Strafen. Man kann zum Beispiel aus einem gewissen Teil der Schule ausgeschlossen werden, oder zusätzliche Arbeit bei der Aufräumung machen müssen.

Das ist das erste Beispiel. Freies Lernen, formelle Regierung.

Tamariki in Neuseeland ist eine Schule mit sechzig Schülern zwischen vier und dreizehn Jahre alt. Sie ist "integriert", das heißt finanziell vom Staat unterstützt. Die Eltern zahlen nur einen Zuschlag, um einen zusätzlichen Lehrer zu bezahlen.

Hier gibt es auch sehr viel Freiheit. Ein Besucher bekommt den Eindruck, daß alle den ganzen Tag spielen. Es gibt aber in Tamariki auch viele Aktivitäten, die dann und wann vom Personal organisiert werden, und woran Kinder teilnehmen können, wenn sie wollen.

Man kann sich die Methoden nur schwerlich vorstellen, ohne dahinzufahren, aber die Theorie kann man von den Grundsätzen begreifen, die die Lehrer hinschreiben mußten, um staatlich anerkannt zu werden. Hier ist zum Beispiel der Anfang vom Grundsätzlichen zum Lesen:

Sinn und Zweck:

1. Kinder in die Lage zu versetzen, Lesen auf so natürliche und ungezwungene Weise wie möglich zu lernen.

2. Vergnügen an Literatur sowie ein Bewußtsein für die Bereicherung, die die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, bedeutet, zu entwickeln.

3. Zu verhindern, daß Kindern die Lust am Lesen genommen sei.

Es gibt Versammlungen auch in Tamariki, aber sie sind viel weniger formell als in Sudbury Valley. Es gibt zwei Arten von Versammlungen. Erstens, Schulversammlungen, wo man gelegentlich Regeln aufstellt und große Probleme diskutiert aber hauptsächlich nur etwas bekanntgibt - wenn ein Lehrer krank ist, etwas verlorengegangen ist oder Besucher kommen, zum Beispiel. Die Vorsitzende ist ein Kind, und alles geht sehr schnell.

Und zweitens, kleine Versammlungen. Für die erste Schulleiterin, June Higginbottom, war das Wesentliche, daß sie die disziplinarische Kontrolle den Kindern selbst überlassen wollte. Wenn die Kinder sie baten, auftauchende Konflikte zu lösen, dann sagte sie, sie müßten selbst Möglichkeiten finden, diese zu lösen. Eine junge Frau, die einst Schülerin in Tamariki war, hat mir die Methode, die die SchülerInnen selbst entwickelt hatten, durch eine Anekdote erklärt.

'Es gab einen Jungen, der ein paar Jahre älter als ich war und der das dreckigste Mundwerk hatte, das ich je erlebt hatte. Er war wirklich absolut beleidigend und sagte Sachen wie "Hure" und so weiter, die für eine Achtjährige sehr erschreckend waren. Wenn ich jetzt will, daß ein Treffen dazu einberufen wird, such ich mir ein anderes Kind, das den Vorsitz führt. Wenn wir eine kleine Gruppe zusammengebracht haben, sagt die Vorsitzende "Versammlung übernimm den Fall," und sie bitten dann den Kläger, den Fall darzustellen, während sie dafür sorgen, daß der Angeklagte den Mund hält. Und dann hat der Angeklagte das Wort, und danach versuchen sie, den Sachverhalt wirklich klarzubekommen, und dann irgendeine passende Lösung zu finden, wie zum Beispiel, daß derjenige, der mich beleidigt hat, am nächsten Tag von mir fernbleiben muss.'

Und wenn es nicht funktioniert wird eine neue Versammlung abgehaltet.

Also in Tamariki ist die Regierung viel weniger formell als in Sudbury Valley, und es gibt keine Strafen. Die Erwachsenen dürfen auch den Kindern Angebote machen, die in Sudbury Valley als unangemessen angesehen wäre.

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