David Gribble : Education for Freedom Respect Children
     
Respect Children

 

The David Gribble Archive : Talks

Demokratie in der Schule: Beispiele und Perspektiven

Salzburg, 2004
Seite 3

Respect Children : Demokratie in der Schule Butterflies bedeutet Schmetterlinge, aber es ist kein niedlicher Kindergarten, sondern eine Organisation für die Kinder, die auf den Straßen von Delhi leben beziehungsweise arbeiten. Butterflies bieten ihnen die Gelegenheit zu lernen an und hilft ihnen, auf ihre Rechte zu bestehen. Diese Kinder, die meistens sieben bis vierzehn Jahre alt sind, obwohl es auch jüngere und ältere gibt, verdienen ungefähr dreißig Rupees pro Tag, das heißt ein Euro. Davon können sie knapp leben. Wenn sie Zeit verbringen, bei Butterflies zu lernen, dann verdienen sie weniger, und werden oft von ihren Eltern, wenn sie noch bei ihren Familien wohnen, oder von ihren Arbeitgebern, wenn sie wirklich auf der Straße wohnen, geschlagen.

Es gibt ungefähr acht hundert Kinder, die dennoch zu Butterflies kommen.

Die Straßenerzieher, wie sie heißen, kommen mit einem großen Koffer voll Spiele, Hefte, Kreide und Ziegeln, Posters und einigen Büchern an bestimmte Orte in Parks oder Märkten, und die Kinder können nehmen, was sie brauchen, und spielen oder lernen. Es kann also gar keinen Stundenplan geben; man kommt, wenn man will, und lernt was und wann man will. Die Straßenerzieher sind da, um zu helfen, nicht um zu zwingen; sie bieten manchmal besondere Tätigkeiten an, zum Beispiel Theatermachen oder Ausflüge, aber alles ist freiwillig. Freiwillig ist eigentlich ein zu schwaches Wort – man kommt nur dahin, wenn man es so herzlich wünscht, daß man riskieren will, dafür geschlagen zu werden.

Versammlungen gibt es bei Butterflies auch, aber sie gehen nicht auf Streitigkeiten zwischen Kindern ein, sondern auf ihre Probleme auf den Straßen. Sie haben eine Kinderrechtsgruppe und sie organisieren Demonstrationen, sie geben eine Wandzeitung aus und sie spielen Theater. Hier haben wir Demokratie einer ganz anderen Art. Sie ist kein Werkzeug, um Ordnung in einer Schule zu schaffen, sondern eine Mitte, wodurch Kinder ihre eigene Bedürfnisse bekanntmachen können.

Es gibt viele andere Unterschiede zwischen den Schulen, die ich in diesem Buch beschrieben habe. Für einige muss man die Bedeutung vom Wort 'demokratisch' ziemlich weit ausdehnen. Aber selbst unter denen die am meisten demokratisch sind, findet man überraschende Eigentümlichkeiten. Zum Beispiel haben die Kinder nicht immer gleiche Rechte, Entscheidungen zu treffen.

In Butterflies hat die Macht der Kinder keine Grenzen, aber in Schulen ist es gewöhnlich anders. In Summerhill, zum Beispiel, der berühmtesten freien Schule der Welt, setzt man der Macht der Schulversammlung klare Grenzen. Die Kinder können alles über ihr eigenes gesellschafliches Leben entscheiden, aber das Gebäude gehört Zoe Readhead, die Tochter vom Gründer A. S. Neill und jetzt Direktorin ist, und sie behält sich alle Entscheidungen über Sicherheit und Gesundheit, Ernennung und Entlassung von Personal und Aufnahme und Ausschluss von Schülern vor. Geldsachen werden auch nicht in der Schulversammlung entschieden. Man behauptet, daß solche Sachen eine zu schwere Verantwortung von den Kindern verlangt.

In der Pesta, der Schule von Mauricio und Rebeca Wild in Ecuador, sollen die Lehrer weder lehren, erklären, anleiten, motivieren, überreden, antizipieren oder hinweisen. Das scheint eine fast grenzenlose Freiheit zu bedeuten, aber die Schule ist eine sorgfältig vorbereitete Umgebung, es gibt viele Regeln und die Kinder können die Regeln nicht ändern. Kein Fernsehen, womöglich auch nicht zu Hause. Man darf nicht in den Bussen auf dem Weg zum Schwimmbad essen. Spielzeugwaffen dürfen nur in die Schule mitgebracht werden, wenn sie keinen Lärm erzeugen. Kassettenrecorder und Radios sind nicht erlaubt. Als die Kinder um ein Spielzimmer baten, in dem sie Kissenschlachten und so viel Unordnung machen konnten, wie sie wollten, wurde ihnen das verweigert.

Trotz der Tatsache, daß die Schüler in der Pesta sich total frei fühlen, ist die Schule demokratisch nur in einem sehr besonderen Sinn. In ihrem Buch Erziehung zum Sein sagt Rebeca Wild selbst, daß die Pesta keine antiautoritäre Schule sei. Die Hauptsachen für Rebeca Wild sind, daß die Kinder die Möglichkeit haben, auf eigene Faust zu experimentieren, Dinge zu erforschen und zu erleben, und daß sie ihren eigenen Interessen nachgehen dürfen und den Anweisungen von Erwachsenen nicht folgen müssen. Das ist nicht ganz demokratisch aber es ist doch sehr schön.

Und wenn man Demokratie als eine Gesellschaft definiert, wo alle gleiche Rechte haben, so entspricht die Pesta der Beschreibung. Die Erwachsenenen dürfen auch keine lärmendene Spielzeugwaffen in die Schule bringen oder in den Bussen essen.

In Sands School in England, die ich mitbegrundete, kann die Schulversammlung, woran Schüler und Personal teilnehmen, alles entscheiden, das in einer Regelschule der Direktor entscheiden würde. Die Schüler sind meistens zwischen elf und sechzehn Jahre alt. Die Grenzen, auf denen Summerhill besteht, existieren in Sands nicht. Einige Sachen werden delegiert, weil die Schüler sich davon überfordert fühlen (oder sich nicht dafür interessieren) aber Gesundheit und Sicherheit, Ernennung von Personal und Aufnahme von neuen Schülern liegen alle in den Händen der Schulversammlung. Selbst die Sachen, die delegiert worden sind, kann die Versammlung in Frage stellen und sie kann, falls nötig, Veränderungen verlangen.

Als die Schule anfing und weniger als dreißig Schüler hatte, ähnelten die Versammlungen lebendigen Gesprächen, obwohl es ein Vorsitzender gab, der Ordnung zu behalten versuchte, und man dann und wann abstimmte. Im Sommer 2003 gab es siebzig Studenten und sieben Lehrer, und wenn fast achtzig Leute in eine Versammlung kommen, muss es etwas formeller behandelt werden, aber schließlich hat jeder seine Stimme, und die jüngsten können auch ihre Meinungen hören lassen.

 

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