David Gribble : Education for Freedom Respect Children
     
Respect Children

 

The David Gribble Archive : Talks

Demokratie in der Schule: Beispiele und Perspektiven

Salzburg, 2004
Seite 4

Respect Children : Demokratie in der Schule

In allen diesen Orten, die ich beschrieben habe, respektiert man die Wünsche und die Werte der Kinder. Die Demokratie ist sehr verschieden, aber überall findet man einen grundlegenden Respekt. Man kann diesen Respekt vielleicht genauer kennen lernen, wenn man in Betracht zieht, wie oft Lehrer in Regelschulen versuchen, sinnlose Ideen, die irgendwie Erwachsenen gefallen, Kindern aufzuzwingen.

Man kann auch Beispiele von diesem Mangel an Respekt in den schönsten Schulen finden. Jürg Jegge beschreibt in seinem BuchDummheit ist Lernbar, wie er oft mit seinen Sonderklasslern Theater besuchte. Nachher mußten sie einen Bericht in einem sogenannten Theaterbuch schreiben. 'In dieses,' sagte er, 'investieren die Schüler ihr gesamtes "schriftstellerisches" und " graphisches" Können. Die Aufgabe: Stück und Aufführung sollen vorgestellt werden. Da wird zusätzliches Material herangezogen: vor allem das Programmheft, dann auch Schauspielführer, Zeitungsartikel, Kritiken. Es ergeben sich viele Aufgaben, in die sich die Schüler teilen: sprachlich Formulierung (meist von allen gemeinsam, weniger häufig von einer kleineren Gruppe, selten einzelne), Einschreiben, Titelblatt anfertigen, zusätzliches Material aussuchen, ausschneiden, aufkleben usw. Das alles wird gemeinsam besprochen und festgelegt.'

Das, was im Theaterbuch erschien, war ganz schön, aber später hat Jegge die ganze Idee aufgegeben, weil es ihm klar geworden war, daß es eine ganz unnatürliche Aufgabe war. Wenn ein normaler Mensch ins Theater geht, setzt er sich danach nicht nieder, um einen Bericht zu schreiben. Er diskutiert das Stück mit denen, die es auch gesehen haben, aber nur ein Kritiker oder ein Schüler schreibt einen Bericht - der erste, weil er dafür bezahlt wird, und der zweite, weil er dazu gezwungen wird. Das schöne Theaterbuch war eine Leistung des Lehrers vielmehr als der Schüler.

Jenifer Smith war eine Lehrerin in Countesthorpe College, einer Gesamtschule in Leicestershire, wo alle Schüler ihre eigene Themen für Projekte aussuchten. Sie kamen erst im Alter von vierzehn Jahren in diese Schule, und am Anfang dachten viele, daß sie ähnliche Projekte machen sollten, wie sie in ihren früheren Schulen gemacht hatten. 'Ägypten,' zum Beispiel, oder 'Kleidung durch alle Zeitalter' oder 'Unser Besuch im Museum.' Jenifer Smith hat gesagt, 'Ich verbringe Zeit damit, die Schüler daran zu hindern, mit der Arbeit anzufangen – sie davon abzuhalten, sich vorschnell in die erstbeste Sache zu stürzen, die ihnen in den Sinn kommt. Bist du sicher? Lies ein wenig. Willst du das wirklich machen? Vorsicht.'

Das klingt seltsam. 'Ich verbringe Zeit, die Schüler daran zu hindern, mit der Arbeit anzufangen.' Meistens wollen Lehrer, daß ihre Schüler sofort mit der Arbeit anfangen, ohne sich zu kümmern, ob sie sich dafür interessieren. Für Jenifer Smith war das Interesse die Hauptsache, und wenn ihre Schüler endlich mit der Arbeit anfingen, haben sich es für sich selbst und nicht für irgendeine Autoritätsgestalt gemacht. Ein Beispiel in den Worten von Jenifer Smith:

Jonathan schien eine erfolglose Idee nach der anderen in Angriff zu nehmen und wieder beiseite zu legen. Am Ende seines ersten Tertials hatte ich das Gefühl, daß ich bei ihm komplett versagt hatte, und sein kindisches Verhalten begann, mich mürbe zu machen. Dann begann er, sich für Fotografie zu interessieren, für das Fotografieren mit der Lochkamera und Spezialeffekte. Er wurde oft dabei beobachtet, wie er auf und ab ging und Selbstgespräche über seine neuesten Pläne führte. Er beschloß, Parabeln auf Fotopapier aufzuzeichnen. Die Arbeit erstreckte sich über mehrere Wochen, während derer er ein Pendel perfektionierte und sich Möglichkeiten ausdachte, um ausreichendes Licht zu bekommen. Nachdem er vorher ruhelos und schwankend schien, hielt er jetzt hartnäckig an den zu lösenden Problemen fest. Es gefiel ihm, sich ständig mit einem interessierten Erwachsenen auszutauschen, aber normalerweise fragte er nicht um Rat.

Mein drittes Beispiel von dem Unterschied zwischen den üblichen Anforderungen von Erwachsenen und den Bedürfnissen von Kindern kommt noch einmal aus den Grundsätzen für Tamariki.

Grundsätzliches zum Thema Unordnung.

Grundprinzip: Bei Kindern dieser Altersgruppe [von vier bis dreizehn] werden Kreativität und Lernen durch ein gewisses Maß an Unordnung gefördert.

Sinn und Zweck: Eine Umgebung bereitzustellen, in der Aktivitäten bis zu ihrem natürlichen Abschluss durchgeführt werden können und nicht willkürlich durch die Aufforderung der Erwachsenen, aufzuräumen, unterbrochen werden.

Und am Ende

Schlussfolgerung: Da in der Schule wiederholt beobachtet worden ist, daß die Phantasie der Kinder am stärksten bei einem gewissen Maß an Unordnung angeregt wird, sollen Erwachsene sich davor hüten, Ordnung in Bereichen zu verlangen, von denen sie nicht persönlich und unmittelbar betroffen sind.

Für mich als Erwachsener ist das wichtigste Element der sogenannten demokratischen Erziehung weder die Struktur noch der Umfang der Macht der Kinder noch irgendein pädagogisches System noch eine abstrakte Idee von Kinderrechten, sondern einfach ein Respekt für jedes einzige Kind. Daher gebe ich jetzt keine Theorie mehr, sondern einfach die Worte von Leuten, die einen solchen Respekt wirklich erfahren haben.

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