The David Gribble Archive : Talks
David Gribbles Lehrjahre
Leipzig , 2006
Seite 1
Ich werde versuchen, zu sprechen ohne vorzulesen, weil das immer interessanter ist, aber für den Fall, wo mein Deutsch auf einmal nicht dazu reicht, habe ich einen ganzen Vortrag schon hier aufgeschrieben. Sogar dieser erste Satz steht hier auf diesem Papier.
Ich fange an, mit einem Zitat von Virginia Woolf:
"Wenn man umstrittene Ideen hat, nützt es nichts, sie anzukündigen; man kann nur erklären, wie man zu diesen Ideen gekommen ist."
Meine Ideen über Erziehung werden vielleicht hier nicht umstritten, aber hoffentlich, wird es Sie interessieren, zu hören, wie sie entstanden sind. Um meine Aufgabe möglichst viel zu erleichtern, habe ich mein Leben in Kapiteln geteilt.
Erstes Kapitel: Bevor ich wusste, dass ich Lehrer werden wollte.
Ich fange sehr früh an. Meine Eltern waren geschieden, als ich ungefähr zwei Jahre alt war. Seitdem wurde ich von Frauen erzogen, und meine Mutter hat mir eigentlich auch gesagt, dass mein Vater mich nie in seinen Armen gehalten hat. Ich wohnte in einem Haus voll Frauen - meine Mutter, meine ältere Schwester, unser Kindermädchen, die Köchin und die Dienstmädchen. Der einzige Mann, der bei uns arbeitete, war der Gärtner. Mein Leben war also zart, priviligiert und etwas einsam. Das hat sicher einen grossen Einfluss auf mich ausgeübt.
Dann auf einmal, als ich acht Jahre alt war, musste ich in ein Internat gehen, wo nur Männer und Knaben waren, und wenn man sich gegen die Regeln verhielt, man mit einem Rohrstock geschlagen wurde. Ich erinnere mich noch an das erste Mal, dass ich geschlagen worden bin. Ich musste an einem Tisch stehen, und dann mich vorwärts beugen, bis mein Gesicht auf dem harten Holz lag. Dann mussste ich meine Arme ausstrecken und mit meinen Händen an der Tischkante festhalten. Und dann hat der Schulleiter losgeschlagen. Ich bekam wahrscheinlich nur drei Schläge, aber es hat mehr Weh getan, als ich je vorher in meinem ganzen Leben erfahren hatte. Mein Haut war nicht gebrochen, die Schläge liessen sogar keine blauen Flecke, aber der Schmerz hat mich erstaunt.
Es gibt zwei wichtige Askpekte dieses Ereignisses: erstens war ich ein besonders artiger Junge, der immer den Erwachsenen und eigentlich allen Anderen gefallen wollte, und zweitens kann ich mich nicht mehr erinneren, warum man mich geschlagen hat. Bedenken Sie ein Augenblick, was das bedeutet. Und bedenken Sie auch, dass andere Jungen manchmal blaue Flecken bekamen, die wochenlang blieben. Diese Methode machte keinen Unterschied; die Übeltäter taten weiter übel.
In dieser Schule gab es auch eine andere Strafe: man musste irgendeine nützliche Arbeit in den Schulanlagen mit dem Schulleiter machen. Diese Gelegenheit, etwas praktisch nützliches zu tun, und dazu mit dem Schulleiter als Kolleg zu arbeiten, machte so viel Spass, dass manchmal Buben, die nicht strafbar waren, dabei helfen kamen.
Und noch eine Geschichte aus dieser Schulzeit. Eines Abends in unserem Schlafsaal haben wir ein Thermometer gefunden und wir hatten einen Schachtel Streichhölzer. Wir wollten sehen, was geschehen würde, wenn das Quecksilber an das Ende des Thermometers anlangte. Es geschahen zwei Sachen: das Thermometer brach auseinander und der Schulleiter kam herein.
Wir hatten natürlich furchtbar Angst: wir hatten etwas gebrochen, das der Schule gehörte, und wir haben eine strenge Strafe erwartet. Der Schulleiter war aber dieses Abends guter Laune, er verstehe, sagte er, dass wir ein wissenschaftliches Experiment durchführten und etwas gelernt hatten und er gratulierte.
In meiner Beschreibung dieser Schule habe ich nichts über Schulstunden erzählt. Schulstunden gab es natürlich jeden Tag ausser Sonntag, aber in meiner Erinnerung sind sie nicht so wichtig, wie diese Geschichten von strafen und nicht strafen.
Als ich dreizehn Jahre alt war, musste ich nach Eton College gehen, wo es nochmals lauter Buben gab und wir alle dazu einen Frack tragen mussten. In Eton wurde man anders geschlagen. Erstens war es die ältere Buben die uns schlugen, und zweitens musste man sich über den Rücken eines Stuhls beugen, und sich an den Stuhlstreben festhalten. Der Schlager hob zuerst mit seinem Stock die Frackschösse auf und legte sie über den Rücken des Opfers.
In Eton lernte ich noch einmal, dass eine Strafe, sogar eine grausame Strafe wie Rohrstockschlagen, nicht die erwünschte Wirkung hatte. Zum Beispiel gab es im Haus, wo ich wohnte, eine Regel, dass niemand seine Bücher auf dem Tisch neben dem Eingang am Abend liegen lassen durfte. Für jedes Buch musste man eine Büsse von zwei Pennies bezahlen, und wenn man Half-a-crown, das heisst dreissig pennies, gebüsst hatte, wurde man von den Aufsichtsschülern geschlagen. Wir liessen alle oft Bücher liegen, sogar wenn wir schon achtundzwanzig Pennies gezahlt hatten. Die Strafe hatte keinen Erfolg.
In Eton lernte ich viel, das nicht stimmte. Ich lernte zum Beispiel, dass ich nicht begabt für Musik war und weder singen noch Klavier spielen konnte. Ich lernte, dass ich nicht viel wert war, weil ich kein Sportler war. Ich lernte, dass es wichtiger ist, den ungeschrieben Regeln der Studenten zu gehorchen, als den geschrieben Regeln der Schule. Ich lernte, dass wer Macht hat, nicht gerecht zu handeln braucht.
Eine kleine Geschichte dazu. Ein Lehrer, namens Mr. Rowe - es ist bedeutsam, dass ich mich an seinen Namen erinnere - hat eine grosse Zeichnung, die ich in einer Naturwissenschaftsstunde gemacht hatte, zusammengeknüllt und in den Papierkorb geworfen. Er sagte, es hätte keinen Namen daraufgestanden. Ich beklagte mich und sagte ihm, dass mein Name doch auf der Zeichnung stünde. Ich musste vor die Klasse hinausgehen, meine Zeichnung aus dem Papierkorb heben und auf einem Tisch ausbreiten. Da stand mein Name, oben rechts. "Zu klein," sagte der Lehrer, und ich musste zurück zu meinem Platz.
Und noch eine Geschichte. In einer anderen Wissenschaftsstunde unter Mr. Morris war mir schlecht und ich hob die Hand. Mr. Morris sprach einfach weiter und ich stand auf und ging vor die Klasse und stand vor ihm, die Hand noch hoch. Er gab keine Acht und sprach weiter. "Herr Lehrer," sagte ich, " mir ist schlecht." Keine Reaktion. Ich lief zur Tür und kotzte. Mr. Morris sah mich an, wandte sich an die Klasse und sagte, "Das war ein perfektes Beispiel von retrograde Peristaltik." Ich kenne den Ausdruck auf Englisch noch.
Eton war natürlich eine altmodische Schule, und wir mussten so viel Zeit Lateinisch und Griechish lernen als für alle anderen Fächer zusammengerechnet. Ich habe fast alles vergessen. Ich habe auch Deutsch studiert - Aha, das ist gelungen, werden Sie hoffentlich denken - aber nein, es war nicht gelungen. Obwohl ich meine Prüfungen bestand, wagte ich, als ich zum ersten Mal nach Österreich kam, kein Wort Deutsch zu sagen. Ich konnte ein Bisschen lesen und übersetzen, und ich wusste "liegen, liegt, lag, gelegen" zu sagen, und "schwimmen, schwimmt, schwamm, geschwommen", aber das war nicht, was ich zu sagen brauchte.
Ich habe auch einige Listen gelernt, wie zum Beispiel "Durch, für, ohne, gegen, wider, um," die Präpositionen, die man immer mit Akkusativ braucht, und auch "The spirit of god and the body of man and the worm in the place at the edge of the wood". Wenn man diese Wörter auf deutsch übersetzt, hat man eine Liste von den männlichen Substantiven, die die Mehrzahl mit -er und womöglich mit Umlaut formen. Wenn ich später zögere, werden Sie verstehen, dass ich eine von diesen Listen schnell überprüfe, um keinen Fehler zu machen.
Nach Eton, können Sie verstehen, wollte ich keine weitere Erziehung, ich wollte hinaus in die echte, weite Welt. Daher lernte ich Kurzschrift und Maschineschreiben und meine erste Stellung war in einem Tabakgeschäft, das meinem Vater gehörte. Ich schrieb Ziffern aus einem Buch in ein anderes nach, und ich tippte hundertmal einen Brief, der anfing "Sehr geehrter Herr, Die erste Schiffsladung von hawanischen Zigarren seit 1939 ist eben angekommen und liegt unter Zollverschluss in London." Die echte, weite Welt war fast so schlimm wie die Schule.
Und dann auf einmal fiel es mir ein, dass ich lieber mit Kindern als mit Erwachsenen arbeiten würde.
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