David Gribble : Education for Freedom Respect Children
     
Respect Children

 

The David Gribble Archive : Talks

David Gribbles Lehrjahre

Leipzig , 2006
Seite 4

School and Society : School and society : Demokratische Schule Kapitel 4. Dartington Hall School

Mein erster Eindruck von Dartington war einfach Farbe. In Repton mussten die Jungen graue Anzüge tragen, aber in Dartington trugen die Mädchen Kleider von allerlei Farben, und eigentlich die Jungen auch.

Ich fühlte mich irgendwie jünger als viele der Schüler. Sie waren selbstsicherer als ich, und sie fühlten sich wohl mit dem anderen Geschlecht.

Zu meinem Erstaunen fand ich, dass ich doch besser als in Repton respektiert wurde. In Repton musste ein Lehrer sich behaupten, um etwas vorgetäuschten Respekt zu bekommen, aber in Dartington war das nicht nötig. Es war das Gegenteil. Man musste Respekt verdienen statt verlangen, und dieser Respekt war echt.

Noch eine Geschichte. Ziemlich früh nach meiner Ankunft in Dartington kam eines Abends ein Quartett von der naheliegenden Musikhochschule um ein kleines Konzert zu machen. Ich ging dahin, und als ich ins Saal kam, sah ich Kinder, die überall auf dem Boden oder rückwärts auf Stühlen sassen und laut plauderten und lachten. Am Ende des Saals standen die vier MusikstudentInnen, die ihre Instrumente stimmten. In Repton wäre so eine Szene als höchst unhöflich und achtungslos gesehen, und ich fragte mich, ob ich verlangen sollte, dass alle sich in ordentlichen Reihen sässen und schwiegen. Glückerweise tat ich nichts, und wenn die Geigespielerin sich an die Kinder wandte, und in einer ganz kleinen Stimme ankündigte, dass sie jetzt mit diesem oder jenem Stück anfangen wollten, schwiegen alle sofort und hörten aufmerksam zu.

Dieses Benehmen war eigentlich selbstverständlich. Sie waren nur dahingekommen, weil sie die Musik hören wollten. Warum sollten sie unbequem auf aufgereihten Stühlen sitzen, wenn sie ebenso gut hören konnten, wenn sie bequem auf dem Boden lagen?

Es gibt so viel, das wir auf Kindern zwingen wollen, weil es den Ideen von Erwachsenen entspricht, und das nicht nur unnötig sondern auch schädlich ist, weil die Erwachsenen nötigerweiser autoritärisch heikel sein müssen. "Setz' dich richtig auf deinem Stuhl." "Dein Name ist zu klein geschrieben." "Kein Essen beim Unterricht - spücke es ins Papierkorb." "Hände aus den Taschen." Und so weiter.

Ich habe bemerkt, dass eine echt freundliche Beziehung in Repton unmöglich war. In Dartington pflegte ich am Wochende eine Gruppe Jugendliche in meinem Auto irgendo hinauszuführen, um spazierenzugehen. Ein achtzehnjähriges Mädchen, das Jenny Davies hiess, war besonders oft dabei. Wir verliebten uns, und ein Jahr nach ihrer Abitur haben wir geheiratet.

Von Jenny lernte ich sehr viel. Sie war dreizehn Jahre lang Schülerin in Dartington gewesen, und verstand die Schule gut. Unter den wichtigsten Sachen, war die Idee, dass Menschen wichtiger als Gegenstände sind. Die Geschichte des Thermometers in meiner ersten Schule hätte mir das lehren können - unser Lernen war wichtiger als das gebrochene Thermometer - aber das war eine Ausnahme. Jenny zeigte mich, dass wenn etwas von einem Kind zerstört wird, man sich erstens um das Kind, nicht um das Zerstörte kümmern soll. Jetzt ist es mir so offensichtlich, dass ich fast nicht glauben kann, dass ich es nicht immer gewusst habe, dass jeder es nicht weiss, aber leider ist es klar, dass viele LehrerInnen und fast alle Politiker ganz anderer Meinung sind.

A. S. Neill von Summerhill hat gesagt, er wolle vor Allem, dass die Schüler von seiner Schule glücklich seien. Jenny wollte vor Allem, dass unsere Kinder gutherzig seien. Meiner Meinung nach hatte sie Recht.

Jenny starb an einer Darmverdrehung, als sie nur vierundzwanzig Jahre alt war.

Da dachte ich, ein Drittel meines Lebens ist weg, aber ich habe noch unsere Kinder und ich habe meine Stelle in Dartington. So wichtig war Dartington für mich.

Dartington war aber auch nicht unsterblich. Fast dreissig Jahre später war ich wieder verheiratet und glücklicherweise waren die vier Kinder unserer Familie schon mit der Schule fertig. Ein neuer Schulleiter wurde angestellt, der die Schule gar nicht verstand. Er versuchte, sich zu behaupten, und erregte sofort starken Widerstand unter den Erwachsenen sowohl wie als auch unter den SchülerInnen. Um diesen Widerstand unterzudrücken, schrieb er einen Brief an alle die Eltern, worin er behauptete, dass er folgende Frevel in der Schule entdeckt hatte: Missbrauch von Alkohol, Missbrauch von Drogen, Geschlechtsverkehr unter Minderjährigen, organisierter Einbruch und Hexerei.

Hexerei gab es keine, der Einbruch war bei einem naheliegendem Restaurant, wo die Kinder Pizza und Kuchen gestohlen hatten, aber die drei andere Anklagen konnte man nicht verleugnen. Sie waren kein grosses Problem, aber sie existierten. Der Schulleiter hat die Polizei in die Schule eingeladen, um Drogen auszusuchen. Sie sind mit ihren Hunden angekommen und haben nichts gefunden. Laut der Polizei gabe es keine Probleme in der Schule, die nicht in jeder anderen Schule in ihrem Gebiet zu finden waren.

Der Brief des Schulleiters gelangte aber an die Presse, und monatenlang während des Sommers war die Schule an den Schlagzeilen.

Dann hat ein Junge ein Bild von der Schulleiters Frau mit nackter Brust auf einem Foto in einem Buch von Beatlesliedern gefunden. Er hat dieses Bild auf seinem Rücken in der Party am Ende des Semesters geklebt, und der Schulleiter hat es gesehen. Zuerst hat er dem Jungen einen Fusstritt erteilt, und dann sagte er, "Das ist nicht meine Frau."

Dieses Ereignis erschien auch in den Zeitungen, und The Sun, eine Zeitung von schlechtem Ruf, hat die Agentur der Frau herausgefunden, und daher entdeckt, dass vor sieben Jahren sie und ihr Mann, der Schulleiter, für pornographische Photos posiert hatten. Dann endlich tritt er zurück, aber es war zu spät. Er war nur ein Semester Schulleiter gewesen, aber er hatte den Ruf der Schule total zerstört. Drei oder vier Jahre später haben die Treuhänder die Schule gegen die Wünsche von Schülerinnen, Personal und Eltern geschlossen.

Meine letzte Lehre von Dartington ähnelte sich an eine Lehre von Eton - wer macht hat, braucht nicht, richtig zu handeln.

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