The David Gribble Archive : Talks
David Gribbles Lehrjahre
Leipzig , 2006
Seite 6
Kapitel 6 Die weite Welt
Im Buch, das mir Dartington Hall School zuerst vorgestellt hatte, hat Curry geschrieben, "In Beziehung auf was man tatsächlich gelehrt hat, und wie man gelehrt hat, glaube ich nicht, dass wir behaupten können, dass wir uns auf wichtigen oder bedeutsamen Weisen davon getrennt haben, was anderswo gemacht wird. … Ich kann nicht behaupten, dass wir in diesem Feld Bahnbrecher gewesen sind."
Anderswo habe ich viele Bahnbrecher gefunden.
Ausserhalb von Dartington und Sands hatte ich schon Countesthorpe kennengelernt, eine grosse staatliche Gesamtschule, wo Jenifer Smith gearbeitet hat, eine Lehrerin, die zwei Jahre in Dartington gelehrt hat, bevor sie dahin ging, und deren Ideen mich stark beeinflusst haben. In Countesthorpe waren vierzehn hundert Jugendliche zwischen vierzehn und achtzehn Jahre alt, und sie hatten jeder einen verschiedenen Stundenplan. Dazu waren in fast jedem Stundenplan grosse Löcher, die "Teamtime" hiessen, wo die SchülerInnen ihre eigene Projekte individuell machen konnten, wonötig mit Hilfe von einem Team LehrerInnen. Diese Projekte ähnelten sich gar nicht an den schulischen Projekte, wo ganze Klassen irgendein Studium zusammen machen. Die Jugendliche arbeiteten manchmal zusammen, zum Beispiel, als ein Junge, der ein Theaterstück geschrieben hatte, es aufgeführt hat, und in verschiedenen Volksschulen Vorstellungen organisiert hat. Meistens arbeiteten sie allein: ein Junge beobachtete die Vögel im Garten zu Hause, ein anderer experimentierte mit Pendeln, Licht und Zeichnungen, viele gingen arbeiten bei Behinderten oder jüngeren Kindern oder alten Leuten, ein Mädchen folgte die Geschichte ihrer Familie in das siebzehnte Jahrhundert zurück, ein anderes las möglichst viel über extrem rechte Politik, "um darauf antworten zu können," wie sie sagte.
Jenifer Smith hat beschrieben, wie schwer es sein kann, jedem Schüler und jeder Schülerin zu helfen, ihre eigene Interessen herauszufinden.
Du kannst genau das tun, was du willst. Es kann schwer sein, überhaupt irgendetwas zu tun. Die StudentInnen fangen bei ihrem ersten Gespräch mit ihrem Lehrer an, zu verstehen, was möglich sein kann. Für einige ist es genau, was sie sich gewünscht haben, oder etwas ist erlaubt, das sie sich vielleicht gar nicht vorgestellt hatten, und sie können kaum an ihr Glück glauben. Für andere ist es erschreckend.
Es könnte eine gute Idee sein. Ja, und? Es ist noch Schule. Es könnte eine gute Idee sein, aber ich bin nicht sicher, was ich damit tun werde. Es ist fantastisch und ich werde ein ganz veränderter Mensch sein - aber wenn man es versucht, ist es schwerer, als ich geglaubt habe. Oh ja, wir haben schon unsere eigene Projekte gewählt, - und sie tragen eine ganze Liste von jenen langweiligen, abgedroschenen alten Projekten vor, wo sie eigentlich keine echte Wahl machen durften, keine Wahl, die sie gefördert hat, darüber nachzudenken, was sie lernen wollten, was sie für sich selbst brauchten.
Und einige erzürnen sich.
Lehren Sie uns! Zeigen Sie uns den Lehrplan! Ja, aber was müssen wir tun? Sagen Sie mir, was ich tun muss, und ich werde es tun. Macht nichts was. .. Nein, nicht das. … Nein, keine dieser Sachen … Ich weiss, was ich tun werde.
Du fummelst mit deinen Papieren rum, malst auf deine Aktenmappe, stehst in der Bibliothek rum. Du schreibst einen Titel, siehst aus dem Fenster hinaus, sprichst mit deinem Freund. Wie lange kann ich mich fernhalten? Ich kann den Weg vorwärts sehen. Ich weiss, was du tun sollst. Wir sind beide unruhig bei dieser Untätigkeit. Gut! Also, das musst du tun. Und das. Und das. Ich höre deinen Seufzer. Ich sehe zu, wie deine Hand, widerwillig gehorsam, deinen Kuli aufnimmt. Nein, sage ich. Warte noch ein Bisschen.
Du sprichst mir von Dampflokomotiven, von Evolution, von Grausamkeit gegen Tiere, von Leicester im neunzehnten Jahrhundert. Du zeichnest Traumformen, Karikaturen, genaue Entwürfe, naïve Illustrationen zu deinen Geschichten Du schreibst von Zauber, von Liebe, von Schrecken, von dir, von dir, von dir Du kletterst auf einen Felsen hinauf, unterhältst dich mit einem tauben Kind, gräbst alte Flaschen aus, siehst zu, wie das Bild in der schaukelnden Schale mit Entwickler erscheint.
Ich lerne deine Veranwortung kennen, die die Verantwortung eines Gelehrten, eines Künstlers, eines Dichters, eines Wissenschaftlers, eines Historikers ist.
Wir treffen uns in der Ernsthaftigkeit deiner Wahlen.
So was habe ich leider nie erreicht.
Und nachdem ich in Ruhestand getreten bin, hatte ich Zeit, andere Schulen zu besuchen, andere Methoden kennenzulernen, andere Bücher zu lesen. Ich habe zum Beispiel die Bücher von Jürg Jegge gelesen, und eine Woche bei ihm im Märtplatz in der Schweiz verbracht. Ich habe die Bücher von Rebeca Wild gelesen, und auch in der Pesta habe ich eine Woche verbracht. Ich habe Bücher von Daniel Greenberg gelesen, und vier Tage habe ich in Sudbury Valley School verbracht. Ich habe Bücher von Janusz Korcjak gelesen. Ich habe die demokratische Schule von Hadera in Israel besucht. Ich habe demokratische oder freie oder fortschrittliche oder nichtformelle Schulen und andere erzieherische Anstalten in vielen anderen Ländern besucht. In den meisten habe ich so ungefähr eine Woche verbracht - am ersten Tag ist man verblüfft, man versteht nicht, was vorgeht, man bekommt den Eindruck, dass, wie man sagt, nichts passiert. Am zweiten Tag fängt man an, zu begreifen, was und wie die Kinder lernen und gewöhnlicherweise hat man am Ende der Woche einen ziemlich eindeutigen Eindruck, den man nur gründlich entwickeln könnte, wenn man noch monatenlang in der Schule blieb.
Ich bin auch in Neuseeland, in Japan, in Thailand und in drei verscheidene Orte in Indien gefahren.
Was ich dort erfahren habe, habe ich in zwei Bücher beschrieben, aber ich kann es kurz zusammenfassen:
Es gibt keine einzige gute Methode, es gibt hunderte davon.
Was man aber in jeder demokratischen Schule findet, ist ein gründsätzlicher Respekt für Kinder. Das ist kein ausreichender Ausdruck. Bertrand Russell, der englische Philosoph, hat geschrieben, dass man das Kind verehren muss, aber meiner Meinung nach ist das nur ein Teil davon, eine emotionale Einstellung, die ich verstehe und auch erlebt habe, aber sie hilft nicht, zu verstehen, wie man sich benehmen soll. Man kann gelegentlich vor Kinder Ehrfurcht erfahren, wie man oft vor einem Neugeborenen Ehre fühlt, aber nicht die ganze Zeit. David Wills, ein anderer Engländer, hat gesagt, dass man das Kind lieben muss, aber das ist auch nicht genug. Man kann nicht den ganzen Schultag verbringen, indem man die Kinder einfach liebt. Was man wirklich ununterbrochen tun kann, ist erstens, das Kind als sein Gleichgestellter zu sehen, und zweitens, sich für sein Wohl zu sorgen. Was ich in jeder Schule gesehen habe, war erstens Gleichheit, zweitens Sorge und nur drittens und viertens Liebe, Ehre und so weiter.
Vielleicht soll ich dieses Wort Gleichgestellter etwas erweitern. Es ist klar, dass Erwachsene oft - nicht immer - viel mehr in einer besonderen Gelegenheit wissen, als Kinder. So ist es immer der Fall, wenn Erwachsenen zusammen arbeiten oder diskutieren - einige wissen mehr als andere. Aber das heisst nicht, das eine Gruppe höher ist, und es wäre grob und unhöflich in einer solchen Lage sich zu benehmen, als ob man ganz und gar überlegen wäre. Und so soll es auch sein, wenn Erwachsene und Kinder zusammen arbeiten oder diskutieren.
Wenn es so eine Atmosphäre gibt, macht es nichts, ob man dieses oder jenes lehrt, was für eine Schulversammlung es gibt, ob man jeden Tag in die Schule kommen muss oder nicht, wieviele Regeln es gibt, wer welche Macht hat. In verschiedenen Schulen habe ich allerlei gesehen. Ich wiederhole - es gibt keine einzige richtige Methode.
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