David Gribble : Education for Freedom Respect Children
     
Respect Children

 

The David Gribble Archive : Talks

David Gribbles Lehrjahre

Leipzig , 2006
Seite 7
School and society : Demokratische Schule

Kapitel 7: Und warum geht man in die Schule?

Was kann ich jetzt tun, das ich in der Schule gelernt habe, und mir wirklich nützlich gewesen ist?

  • Lesen, schreiben und rechnen - aber ich habe viel mehr Mathe in der Schule gelernt, als ich je benutzt habe.
  • Deutsch und Französisch - aber wie gesagt, als ich mein Matura gemacht hatte, wagte ich noch kein Wort zu sagen.
  • Klavierspielen - aber ich habe auch gelernt, dass ich nicht Klavier spielen konnte, was eigentlich nicht stimmte.
  • Geschichte? Was ich gelernt habe, war, dass ich mich nicht für Geschichte interessierte.
  • Geographie? In Eton stand Geographie nicht auf dem Stundenplan, um mehr Zeit für Lateinisch und Griechisch zu lassen.
  • Naturwissenschaft? Ich verstehe den Ausdruck "retrograde Peristalsik". Sonst ein klein wenig Physik, z. B. über Magneten, Licht und Hebelkraft, was ich in eine Stunde hätte lernen können.

Und was habe ich gelernt, das mir wirklich nützlich gewesen ist, das ich nicht in der Schule gelernt habe?

  • Als Vater meine Kinder zu begleiten.
  • Kochen.
  • Autofahren.
  • Musik schreiben.
  • Saxophon spielen.
  • Lieder komponieren.
  • Verschiedene Kartenspielen.
  • Einen Schrank zusammenzubasteln und nachher anzumalen.
  • Lehren - ich bin nie als Lehrer trainiert worden.
  • Kreuzworträtsel zu erfinden.

Und in der Schule hatte ich gelernt, dass ich nur ein kluger Clown war, nicht viel wert, und als ich achtzehn Jahre alt war, hatte ich wenig Selbsvertrauen, wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen wollte, las selten ein Buch und ahmte in Bezug auf Kleider, Interessen und Lebensweise meine Freunde nach. Ich fühlte mich abenteuerisch, wenn ich eine Fliege trug oder wagte in ein Jazzclub zu gehen. Kein Abiturient von Dartington wäre so unwissend und naiv gewesen.

Meine Lehrjahre sind noch nicht zu Ende. Man lernt sein ganzes Leben lang, und in den letzten Jahren habe ich zwei ganz neue erzieherische Ansätze kennengelernt, den einen in Brasilien und den anderen in Schottland. In Brasilien gibt es ein Geschäftsman, der Ricardo Semmler heisst. Wenn man in einer seiner Geschäfte arbeitet, entscheidet man für sich selbst, welche Arbeit zu unternehmen, wann und wie lange man arbeitet und wieviel Geld man dafür bekommen wird. Es gelingt wunderbar. Aber was mich besonders interessiert, ist, dass sie jetzt eine Schule gegründet haben. In dieser Schule entscheiden die Kinder natürlich, welche Arbeit sie unternehmen wollen und wann und wie lange sie arbeiten wollen, wie in manchen anderen Alternativschulen. Die Schule heisst Lumiar, und was neu ist, steht klar auf ihrer Internetseite.

Nach vielen schönen Ideen, die man von anderen demokratischen Schulen schon kennt, steht dieser Satz: "Ferien, Regeln, Gebäude und Klassenzimmer sind veraltet." Sie wollen alles wegwerfen und vom Anfang an wieder beginnen.

Ich habe Lumiar nicht gesehen, aber Room 13 in Schottland habe ich schon zweimal besucht. Mein erster Besuch dauerte nur drei Tage, und ich konnte nicht gut verstehen, was vorging; später habe ich noch eine Woche dort verbringen müssen. Room 13 ist ein Atelier in einer normalen staatlichen Grundschule; was ausserordentlich ist, ist das es gehört den Kindern, die dahingehen. Sobald sie mit der Arbeit in ihrer Klasse fertig sind, dürfen sie nach Room 13 gehen, um dort zu malen, zu lesen, zu plaudern, Schach zu spielen oder was auch immer. Wenn sie schon elf Jahre alt sind, dürfen sie ihre Klasse verlassen, wenn sie sich langweilen, wenn sie etwas wichtigeres zu tun haben - kurz, wenn sie auch wollen. Aber eine solche Freiheit hatte ich anderswo schon oft gesehen. Was fast unglaublich ist, ist das diese Kinder, unter denen die älteste knapp zwölf Jahre alt sind, sind wirklich verantwortlich für alles, das im Zimmer geschieht. Sie bezahlen den Künstler, den sie angestellt haben, um ihnen zu helfen. Sie kaufen alle Materialen. Sie verkaufen Fotos, Postkarten und ihre eigene Kunstwerke. Sie schreiben die nötigen Briefe, sie antworten auf Emails, sie informieren die Eltern über den neuesten Stand. Sie suchen Sponsoren, und haben sehr grosse Spenden bekommen - bis auf £200,000 - um Room 13s in anderen Schulen zu begründen. Sie haben ihr eigenes Konto in der Bank und ihr eigenes Scheckbuch. Sie führen die Buchführung selbst. Und es macht ihnen Spass. Der Aspekt von Room 13, den sie am meisten bewertigen, ist, dass sie dort keine gekünstelte Schulaufgaben machen müssen, sondern mit der Wirklichkeit arbeiten dürfen.

Ich habe mit zwei Schülerinnen gesprochen, die ein Videofilm über Room 13 gemacht hatten, der eine halbe Stunde dauerte und auf Channel 4 im Fernsehen gezeigt wurde. Als ich in der Schule war, haben sie fast den ganzen Tag in Room 13 verbracht, und ich fragte sie, ob sie oft so wenig Zeit in ihrem Klassenzimmer waren. "Oh ja," haben sie gesagt. "Als wir den Film machten, waren wir wochenlang nicht in unserer Klasse. Wir gingen einfach am Ende des Tages hin und fragten, 'Was haben wir heute vermisst?' und dann haben wir es in zehn Minuten erledigt."

Es scheint mir jetzt, dass jeder Tage normales Unterrichts vielleicht nur zehn Minuten wert ist.

Ich könnte noch stundenlang darüber sprechen, aber ich höre endlich auf.

Meine Lehrejahre sind nicht zu Ende, ich lerne noch, und hoffentlich werde ich jetzt von Ihren Fragen weiter lernen.

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