The David Gribble Archive : Talks
Verschiedene Freiheiten
Vienna, 2001
Seite 1
Wenn man von "alternativen" Schulen spricht, kann man viele verschiedene Vorstellungen meinen. Daher ziehe ich die Beschreibungen"Freie Schulen" vor, obwohl es dann auch viele Mißverständniße geben kann. Rebeca Wild beschreibt die Pesta als nicht eine "antiautoritäre" Schule, sondern eine "aktive" Schule. Waldorfschulen wollen "frei" sein, aber sie untersetzen sich den Anforderungen der Anthroposophie - wie Yakov Hecht, aus der Demokratischen Schule von Hadera gesagt hat, stehen Waldorfschulen im Gegensatz zu demokratischen Schulen; wenn man weiß, was alles passieren muß, hat die Demokratie keinen Sinn und Zweck.
Es gibt kein angemessenes Wort für die Arten Erziehung, die ich am Herzen habe. Ich kann daher nur einige Freiheiten, die ich bewerte, und einige nicht-Freiheiten, die ich toleriere, beschreiben, wenn ich meine Ideen irgendwie definieren will.
Dann werde ich etwas zu sagen über die Idee, dass eine freie Erziehung nur für die Kinder von wohlerzogenen Mittelschichtfamilien ang emessen ist.
Und ich werde schließlich die Worte von Kindern zitieren, denen ich in verschiedenen Schulen begegnet bin. Das sind meistens Worte aus auf Band aufgenommenen Gesprächen, und bestehen infolge aus keinen langen literarischen Sätzen, sondern aus echten spontanen Äußerungen. Die Meinungen der Kinder sind das Wesentliche.
Bevor ich in den Ruhestand trat, war ich Lehrer erstens in Dartington Hall School und später in Sands School, beide wichtige freie Schulen in England. LehrerInnen haben gewöhnlich fast keine Zeit, andere Schulen zu besuchen, weil ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihre eigenen SchülerInnen gerichtet wird. Das war wenigstens mit mir der Fall, und ich war mir nur ein paar ander er sogenannter freier Schulen bewußt - Summerhill und Countesthorpe College in England, die Freie Gesamtschule hier in Wien, det Frie Gymnasium in Copenhagen, und die Laborschule Bielefeld und die Odenwaldschule in Deutschland - und ich hatte sie meistens nicht einmal besucht.
Kurz vor meiner Pensionierung begann ich wahrzunehmen, daß es viele andere Schulen gab, die so ungefähr denselben Idealen folgten. Im Jahr 1994 wurde ich mit einigen Kindern und einer Kollegin aus Sands School zu einer Konferenz in der Demokratischen Schule von Hadera eingeladen; da befanden sich auch Leute von Sudbury Valley und der Barbara Taylor Schule in den Vereinigten Staaten und Lotte Kreissler aus der Freie Gesamtschule in Wien, und da haben wir beschloßen, jedes Jahr eine ähnliche Konferenz zu halten. Sie ist in England, Österreich, Israel, Ukraine und Japan abgehalten worden, und dieses Jahr sollte sie von der demokratischen Schule von Hadera Israel und Hope Flowers School in Palästina zusammen organisiert werden, aber das war natürlich leider unmöglich.
In den IDECs habe ich viele neue Schulen kennen gelernt, aber ich habe auch andere Freunde immer öfter von interessanten Schulen sprechen gehört, und als ich endlich in den sogenannten Ruhestand trat, fing ich an, einige davon zu besuchen. In den meisten verbrachte ich ungefähr eine Woche - wenn man eine Schule besucht, lernt man meiner Meinung nach in einer Stunde nur das Gebäude kennen, in einem Tag sieht man, was passiert, aber versteht es noch nicht, und in einer Woche lernt man die Atmosphäre wertzuschätzen und darf einige vorsichtige Schlußfolgerungen ziehen. (Um eine Schule grundsätzlich kennenzulernen braucht man Monate, vielleicht selbst Jahre.)
Was mich erstaunt hat, war, daß diese Schulen, die mir sehr gefielen, sich so sehr voneinander unterschieden. Und was mich nicht nur erstaunt sondern auch zum Schreiben angetrieben hat, war, daß die meisten dieser Schulen nie voneinander gehört hatten.
Verschiedene Freiheiten
In Sudbury Valley School, in Massachusetts, gibt es keine Unterrichtstunden. Ehe ich dahinfuhr, wußte ich schon, daß Besucher oft glaubten, daß sie während einer Pause angekommen wären. Ich fühlte mich nicht so naiv - ich hatte andere ähnliche Schulen besucht, und ich würde die Atmosphäre gut verstehen. Aber als ich ankam, konnte ich mich nicht davon abhalten - ich hatte das Gefühl, daß es Pause war.
Ich habe gesagt, daß es keine Stunden gibt. Das ist etwas übertrieben. Es gibt keinen Stundenplan, aber wenn Kinder um Unterricht ersuchen, und wenn sie die Erwachsenen überzeugen können, daß sie es ernst meinen, können sie für sich selbst und vielleicht für einige andere Freunde Stunden vereinbaren. Ich erwartete, viele solche Stunden zu sehen, aber in den vier Tagen, die ich in der Schule verbrachte, wo fast hundert fünfzig SchülerInnen eingeschrieben waren, sah ich nur eine Karate-stunde, eine Geschichtstsstunde, eine Französischstunde mit nur drei Schülerinnen und eine Sitzung im Labor, in der drei Mädchen unter den Augen einer diplomierten Biologielehrerin ein Eichhörnchen häuteten, die sie draußen auf der Straße gefunden hatten, und ausstopfen wollten.
Ich habe nicht die Zeit, zu erklären, was und wie und wieviel die Kinder in Sudbury lernen, aber ich soll einfach berichten, daß sie selbst in akademischer Hinsicht erfolgreich sind. Viele gingen auf Universitäten.
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