The David Gribble Archive : Talks
Verschiedene Freiheiten
Vienna, 2001
Seite 3
Tokyo Shure ist einfach offen, von sagen wir halb zehn morgens bis sieben Uhr abends. Es gibt e inen vollen Stundenplan, und man geht hin, wenn man will, entweder in Unterricht zu gehen, oder einfach seine Freunde zu treffen. Der Stundenplan besteht aus Stunden, die speziell von den Kindern angefordert worden sind, und er ändert sich von Monat zu Monat. Als ich dort war, waren die Fächer, die zu Beginn des Monates angeboten wurden, Kalligraphie, Malen mit Aquarellfarben, Zeichnen und Comic-Zeichnen, Geschichte, Psychologie, soziale Themen und Englisch, Flöte, Okarina, Akkordeon, Klavier und Koto (ein Japanisches Saiteninstrument), Zeichensprache und Tanz. Am Ende des Tages gab es konventionellerer Unterricht in Naturwissenschaften, Englisch, Japanisch und Sozialkunde, für die wenige SchülerInnen, die daran Interesse hatten. Und auch gab es einen Tag pro Woche, der Aktivitäten gewidmet ist, für die man einen vollen Tag benötigt, hauptsächlich Ausflüge der einen oder anderen Art.
Aber Schulpflicht gab es nicht.
Keine Stunden, keine Strafen, keine Trennung nach Altersgruppen, keine Einmischung von Erwachsenen, keine Auswahl, keine Schulpflicht, und was noch?
Keine zu große Ordnung.
Tamariki School in Neuseeland wollte staatliche Anerkennung bekommen, um finanziell unterstützt zu werden. Sie mußte ihre besondere Ausrichtung genau beschreiben, und eine Reihe von einseitigen Beschreibun gen der Grundsätze ihrer Konzeption in bestimmten Bereichen. Hier ist ihre Aussage um das Grundsätzliche zum Thema Unordnung.
Grundprinzip : Bei Kindern dieser Altersgruppe werden Kreativität und Lernen durch ein gewisses Maß an Unordnung gefördert.
Sinn und Zweck : Eine Umgebung bereitzustellen, die Kinder ermutigt, Möglichkeiten wahrzunehmen, um ihre Elemente auf kreative Art immer wieder neu zu kombinieren.
Eine Umgebung bereitzustellen, in der Aktivitäten bis zu ihrem natürlichen Abschluss durchgeführt werden können und nicht willkürlich durch die Aufforderung der Erwachsene, aufzuräumen, unterbrochen werden.
Eine Umbgebung bereitzustellen, in der Kinder ihre eigenen persönlichen Frustrationspunkte, an denen Unordnung kontraproduktiv wird, direkt erleben können.
Richtlinien:
- Die Umgebung sollte nach Möglichkeit ein wirkliches Zuhause bieten und nicht den Charakter einer Institution haben.
- Verfahrensweisen: Die Grenzen der Unordnung sollten bei der Vollversammlung festgelegt werden.
- Kinder (und Erwachsene) sollen darin unterstützt werden, den Unterschied zwischen gesundheitsgefährdendem Schmutz und einfacher Unordnung verstehen zu lernen.
- Kinder sollen ermutigt werden aufzuräumen, wenn sie ihre Aktivität zu einem wirklichen Abschluß gebracht haben, und die Hilfe von Erwachsenen sollte dort zur Verfügung stehen, wo sie benötigt wird.
- Wenn ein Bereich so unordentlich hinterlassen wird, daß er nicht mehr zu reinigen ist, dann sollte er in der Vollversammlung als Sperrzone deklariert werden, bis er von Freiwilligen aufgeräumt worden ist.
- Sicherheit und Gesundheit sind immer vorrangig und sollten nicht gefährdet werden, z.B. sollten scharfe Metall- oder Glasstücke, in Holz eingeschlagene Nägel oder Nahrungsmittelreste in den Gebäuden sofort beseitigt werden.
- Eine möglichst große Bandweite an Materialien, die für kreatives Spielen geeignet sind, sollte bereitgestellt werden, und die Kinder sollten ermutigt werden, die Möglichkeiten, die diese bieten, zu erkunden.
Schlußfolgerung : Da in der Schule wiederholt beobachtet worden ist, daß die Phantasie der Kinder am stärksten bei einem gewissen Maß an Unordnung angeregt wird, sollten Erwachsene sich davor hüten, Ordnung in Bereichen zu verlangen, von denen sie nicht persönlich und unmittelbar betroffen sind.
Und mit allen diesen Freiheiten von gibt es auch viele Freiheiten zu. Diese sind die Worte von Jeni Smith, eine Lehrerin in Countesthorpe College in England, eine staatliche Gesamtschule, die während der siebziger Jahren wunderbar frei wahr.
Ich verbringe Zeit damit, die SchülerInnen daran zu hindern, mit der Arbeit anzufangen – die davon abzulhalten, sich vorschnell in die erstbeste Sache zu stürzen, die ihnen in den Sinn kommt. Bist du sicher? Lies ein wenig. Willst du das wirklich machen? Vorsicht.
Pete Garrat brachte Stunden damit zu, blutrünstige und spritzige Erzählungen zu schreiben und zu illustrieren; seine Arbeiten zum Thema "Kricket" und "Motorrennen" waren nie sehr erfolgreich, aber seine Nestersammlung, seine Fotografien von Kristallen und seine Studien des Lebens im Teich nahmen seine Vorstellungskraft so sehr gefangen, daß er sie mit viel Energie anging und die Probleme genoß, auf die er während er Arbeit stieß.
Jonathan schien eine erfolglose Idee nach der anderen in Angriff zu nehmen und wieder beiseite zu legen. Am Ende seines ersten Tertials hatte ich das Gefühl, daß ich bei ihm komplett versagt hatte, und sein kindisches Verhalten begann, mich mürbe zu machen. Dann begann er, sich für Fotografie zu interessieren, für das Fotografieren mit der Lochkamera und Spezialeffekte. Er wurde oft dabei beobachtet, wie er auf und ab ging und Selbstgespräche über seine neuesten Pläne führte. Er beschloß, Parabeln auf Fotopapier aufzuzeichnen. Die Arbeit erstreckte sich über mehrere Wochen, während derer er ein Pendel perfektioneirte und sich Möglichkeiten ausdachte, um ausreichendes Licht zu bekommen. Nachdem er vorher ruhelos und schwankend schien, hielt er jetzt hartnäckig an den zu lösenden Problemen fest. Es gefiel ihm, sich ständig mit einem interessierten Erwachsenen auszutauschen, aber normaleweise fragte er nicht um Rat.
Debra führte einmal in der Woche ein langes Gespräch, um ihre Arbeit zu organisieren und über Ideen nachzugrübeln. Eine Arbeit, die zum Thema "National Front" (eine rechtsextreme Partei) begonnen hatte – "um herauszufinden, worum es bei ihnen geht, so daß ich gegen sie argumentieren kann" – entwickelte sich zu einer Arbeit über Intelligenz, den Ursprung des Menschen und die Sprache der Vorurteile. Das ursprüngliche Thema wurde zugunsten von anderen Fragen, die die Arbeit aufwarf, fallengelassen.
Russ und Colin schienen sich nicht für besonders viel zu interessieren. Ihre Faszination, Konzentration und ausdauernde Beobachtung eines Heu-schreckenpaares und seiner Brutzeit war bermerkenswert; ähnliches galt auch für ihr Engagement was ihre Arbeit mit den Kindern in einer Sonderschule angeht.
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