The David Gribble Archive : Talks
Verschiedene Freiheiten
Vienna, 2001
Seite 5

Und jetzt das Wesentliche - was die Kinder darüber denken.
Hylda Sims, die in Summerhill in den vierziger Jahren war, hat folgendes geschrieben:-
Summerhill war die fünf wichtigsten Jahren meines Lebens, sie sind so eng mit mir verbunden wie meine Eltern, und die Tatsachen, daß ich ein rundes Gesicht habe und daß ich ein Mädchen bin. Von den 22 Schulen, die ich besucht habe, bevor man mich nach Summerhill schickte, habe ich nur Bruchteile in meiner Erinnerung.
Ein Junge in Jürg Jegges Kleingruppe Lufingen, das für Schüler mit schweren Kontakt- und Beziehungsstörungen, affektiven Denk- hemmungen und Intelligenzblockierungen aufgestellt worden war, hat den folgenden Bericht über seine ersten Tage dort geschrieben:-
Ich bin heute die erste Woche wieder in der Schule gewesen. Es ist für mich etwas ganz Neues. Ich habe bis jetzt zehn Schuljahre gehabt, aber noch nie habe ich eine solche Woche erlebt. Für mich war die Schule immer etwas, wo ich mich überhaupt nicht wohl fühlte. Ich hatte richtig Angst vor ihr. Auch wenn ich erst die erste Woche hier bin, fühle ich mich schon ziemlich wohl. Ich spreche zwar wie in allen andern neuen Sachen nur das Nötigste. Auch stört es mich überhaupt nicht, wenn jemand von den Mitschülern sage: "Sag doch auch mal was." Früher hätte ich mich dann am liebsten in den tiefsten Keller verkriechen können. Für mich ist diese Schule so neu, daß ich es gar nicht glauben kann, daß es so etwas gibt. Ich freu mich richtig auf die Schule. Schade ist, dass die Stunden so schnell vergehen. Auch wenn ich manchmal nur dasitze und den andern zuschaue, was sie machen, fühle ich mich nicht so überflüssig wie in der richtigen Schule. Heute haben wir in der Schule nur gefrühstückt und ein wenig durch das Mikroskop geschaut. Ich habe dabei ein wenig diese Schule mit der Früheren verglichen. Auch habe ich darüber nachgedacht, was ich in den zehn vergangenen Schuljahren gelernt habe. Ich kam darauf, daß ich Schreiben gelernt habe, ich lernte, dass ich ruhig sein soll, da ich immer am wenigsten wußte. Ich wußte zwar schon einige Sachen, aber immer zuwenig für dieses Schuljahr. In dieser Schule kommt es meiner Meinung nach gar nicht so sehr auf das Alter and auf das Wissen an. Zum ersten Mal möchte ich etwas lernen. Vorher war das Lernen für mich eher unangenehm. Ich glaube auch, daß ich etwas lernen kann. Ich konnte, glaube ich, nur wegen der Umgebung, in der ich war, und weil ich mich nicht wohl fühlte, nichts lernen. Ich glaube, nur wenn man Freude an der Schule hat, kann man etwas lernen.
Und in Kontrast dazu schreibt hier ein äußerst intelligentes Mädchen über ihre Erfahrungen in Dartington.
Es waren zwei sehr bedeutsame Jahre. Zum ersten Mal im Leben befand ich mich in einer Welt, in der Ästhetik etwas Selbstverständliches war, wo Malen und Zeichnen und Gedichte schreiben und Musik legitime Aktivitäten und nicht nur kindische Beschäftigungen waren.
In meinen früheren Schulen war ich immer eine Außenseiterin gewesen; zu klug, zu klein, zu jung; und ich wohnte zu weit von der Schule. Ich erinnere mich sehr deutlich daran, wie ich alleine im Gemeinschaftsraum der Schule saß und mich vollständig im Blickfeld befand, und eines der 'richtigen' Mädchen hereinkam und sagte: "Oh, hier ist ja niemand." In Dartington vertraute man mir als Mensch, und man mochte mich dann für das, was ich war, anstatt für die wenigen Teile von mir, die nach der Beurteiling noch übrig blieben.
In Dartington, glaube ich, ging man von der Annahme aus, daß die Welt voller Menschen ist, die sich voneinander in ihren Fertigkeiten und angenehmene Eigenschaften, in ihrem Temperament, ihrem Einfühlungsvermögen, in Haarfarbe, Größe und Geschlecht unterscheiden, und daß dieser letzte Unterschied nur eine von vielen Möglichkeiten ist, um Menschen einzuordnen, und von durchaus begrenztem Nutzen, um etwas über ihre Natur auszusagen. Das stimmte vollständig mit meiner bisherigen Erziehung überein und nahm einiges von der Last von mir, daß ich geschickt mit der Zange umgehen könne und in Diskussionen Partei ergreifen müsse. An der Universität wurde das wieder zu einem Problem, aber zumindest wußte ich damals aufgrund von Dartington, daß ich ein 'richtiger' Mensch war, und daß es überall auf der Welt Menschen wie mich gab. Ich hatte ebenfalls gelernt, daß gute Freundschaften mit Leuten jeden Alters möglich sind.
Ich habe viele wichtige Dinge über mich selbst gelernt; daß von Feldern, Bäumen und Hügeln umgeben zu sein mich für viele Mißstände entschädigt und jegliche Freude verstärkt; daß Musik mit anderen Leuten zu machen, Teil des Stroms sich verflechtender Harmonien zu sein, ein wildes Vergnügen ist. Ich habe gelernt, daß nicht jeder meinen Drang teilt, für alle Erfahrungen Worte finden zu müssen, oder auch nur Sympathie dafür empfindet.
Und ein Mädchen aus Sudbury Valley, das sich an ihre Tagen da erinnert, als sie viel jünger als das eben zitierte war:-
Als ich wirklich klein war, bin ich hereingekommen, habe geschaut, was meine Freundinnen machten, und mich darüber informiert, was am Abend zuvor passiert war. Es gab da eine Menge von kleinen Kindern im Spielzimmer, und ich war eines von ihnnen. Oder wir sind durch die Schule gestreift und haben irgend etwas gemacht. Wir haben Spiele gespielt oder Bücher gelesen. Wir haben Puzzles gelegt, oder wir sind draußen herumgerannt, oder wir haben herumgesessen und geplaudert. Ich weiß nicht, über was wir gesprochen haben! Ich kann mich an eine gewisse Zeit erinnern, in der Linda und ich ununterbrochen Doppelsolitär gespielt haben, oder "spit" (ebenfalls ein Kartenspiel). Es konnte sein, daß wir den ganzen Tag Karten spielten. Wir spielten ständig dieses Kartenspiel und machten dann irgendwann Pause, und taten eine Weile etwas anderes. Es gab viele solche "typischen" Tage, so viele unterschiedliche Dinge. Manchmal kamen wir herein und kochten den ganzen Tag lang mit Margaret. Oder wir gingen in ein Museum. An anderen Tagen verbrachten wir den ganzen Tag im Kunstraum. Ich habe den Kunstraum viel genutzt. Ich habe mit Ton gearbeitet und etwas gemalt. Linda und ich hatten eine Art Familie von ausgestopften Tieren, und wir machten Teller für sie und alles Mögliche.
Wir haben viel Zeit draußen verbracht, besonders im Winter. Zu der Zeit, als ich acht oder neun war, waren wir ständig draußen. Im Sommer waren wir entweder in der Buche, oder wir gingen herum und taten irgend etwas. Oder wir spielten draußen ein großes, großes Spiel mit einer Gruppe von anderen Kindern. Es gab viele Spiele mit Regeln wie Kickball, wo wir Teams auswählten und so. Und es gab auch eine Reihe von Spielen ohne Regeln, bei denen wir einfach alle etwas zusammen machten. Im Winter fuhren wir Schlitten. Wir hatten einen Schlitten, den mein Vater uns besorgt hatte – er war aus Plastik, so daß er gut rutschte – und wir haben acht oder zehn oder sogar zwölf Leute daraufgepackt. Wir fuhren den Hügel hinunter und auch übers Eis, wenn es fest gefroren war. Wir sind den ganze Tag Schlitten gefahren. Wir kamen eiskalt und durchnäßt wieder herein und merkten es nicht einmal. Wir hingen unser Zeugs auf die Heizung und dann setzten wir uns auf die Heizung. Alle machten das, alle verschiedenen Altersstufen. Oh, es war toll! über viele, viele, viele Jahre fuhr dieser Schlitten mit einer Million Menschen darauf über Schnee und Eis hinunter.
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