David Gribble : Education for Freedom Respect Children
     
Respect Children

 

 

 

The David Gribble Archive : Talks

Verschiedene Freiheiten

Vienna, 2001
Seite 6 What children learn : Verschiedene freiheiten

Jetzt ein Ausschnitt aus einem Gespräch mit Shankara, einem jungen Indianer, der Sumavanam besuchte. Er wohnte in einem sehr armen Dorf, wo das größte Schulproblem einfach Hunger war. Die meisten Einwohner sprachen nur Kanada, aber Shankara konnte sich schon auf Englisch ausdrücken.

Shankara: Ich bin sehr glücklich darüber, daß ich hier auf der Schule gewesen bin. Weil ich auf dieser Schule war, habe ich viele Dinge gelernt – wie man unterrichtet, wie man sich verhält. Verhalten ist die Hauptsache, in der sie sich unterscheidet, und auch die Art und Weise, wie sie hier unterrichten. Sie haben eine angemessene Vorstellung von dem, was sie unterrichten sollen. Ich bin auch in privaten Schulen gewesen, und dort habe ich nicht das Wissen bekommen, was ich hier bekommen habe. Sie kommen, halten ihre Stunde ab und diktieren die Antworten. Das meiste, was wir hier gelernt haben, besteht darin, daß wir über das nachdenken müßen, was wir tun. Das Denken ist die Hauptsache, ein besserer Zugang zum Gehirn.

Ich: Was machen die Eltern, wenn sie in die Schule bestellt werden, weil ihr Kind nicht anständig arbeitet, was sagen die Eltern dann?

Shankara: Sie werden sagen "Gebt ihnen eine Ohrfeige!" Die meisten Eltern werden das sagen.

Ich: Wirst du das mit deinen Kindern machen, wenn du eigene Kinder hast?

Shankara: Nein, nein. Weil wir jetzt denken können. Diese Eltern sind – irgendwie nicht gebildet, die meisten sind nicht gebildet, sie denken nicht über Probleme nach. Bevor wir Strafen verteilen, werden wir zuvor mit den Kindern sprechen – sie müssen darüber nachdenken, was sie getan haben. Unsere Eltern tun das nicht. Sie können nicht denken.

Und auch in Indien habe ich Ashraf Nias begegnet, der jetzt in Butterflies arbeitet. Vorher hat er als Kind auf die Strassen gelebt. Er hat einen autobiograpischen Bericht geschrieben, wovon ich jetzt zitiere.

Am Anfang habe ich diesen Strassenerziehern nicht vetraut. Ich traf sie und sprach mit ihnen, aber ich wollte nicht irgendwo hin mit ihnen. . . Als Rita Didi fing an, regelmäßig in die Buszentrale zu kommen, haben wir sie sehr gemocht. Ihre Persönlichkeit und Eigenschaften haben uns angezogen. Wann sie immer rief, gingen wir alle sofort zu ihr. Einer der wichtigsten Beweggrunde dafür war, dass von der Zeit, wo ich auf den Strassen zu leben angefangen hatte, sie der erste Mensch war, der mich angesprochen hat, als ob ich ihr lieb war. Sie hat mich als "Sohn" angeredet. Ich freute mich darauf, sie zu treffen. Rita Didi war der erste Mensch, der uns über die Probleme befragt hat, die wir während beziehungsweise bevor unserem Leben auf den Strassen erlebt hatten. Niemand hatte uns je in Bezug auf unsere Schwierigkeiten auf den Strassen so leidenschaflich gesprochen, niemand hatte wissen wollen, wer uns geschlagen oder missbraucht hatte. Während wir mit ihr sprachen, hatten wir das Gefühl, dass alle unsere Probleme auch die ihrigen waren.

Asaf war erst vierzehn Jahre alt, als ich ihn in der demokratischen Schule von Hadera traf. Folgendes hat er mir erzählt. Sein Englisch war ausgezeichnet.

Asaf: In den Anfangszeiten der Schule mußten wir einige Dinge lernen, wie Mathematik, die Bibel und Lesen und Schreiben. Ich glaube, das waren die drei Fächer, die wir lernen mußten, vielleicht später auch Englisch, aber als sich die Schule dann weiterentwickelte, sahen die Leute mit der Zeit, daß es nicht notwendig ist und daß es keinen Zweck hat, Menschen zu zwingen. Ich erinnere mich nicht genau, ich weiß einfach nur, daß es so war.

Ich: Und was ist mit deinem Bruder [der später im Alter von vier Jahren nach Hadera gekommen war]?

Asaf: Nein, sie haben ihn nicht gezwungen, es war nur so – nun, es war eigentlich ziemlich überraschend. Man versteht nicht wirklich, wie sie es machen: Die Kleinen, sie nehmen einfach Dinge auf, und es ist nicht offensichtlich, wie genau, aber sie tun es, sie fangen an zu lesen. Zum Beispiel, wenn man ihnen etwas beibringt – nun, es kommt darauf an, mein Bruder war so, es kommt darauf an, für einige kann es schwieriger sein und für andere weniger schwierig. Aber ich glaube, er hatte ein Gefühl dafür, denn irgendwann fing er auch einfach an, Englisch zu lesen, und es war nicht ganz offensichtlich, wie er es machte, aber er fing einfach an und, nun . . . Man muß es wirklich sehen, aber im Kindergarten, es ist erstaunlich. Sie gehen da mit ihren Schreibbüchern rein, und sie freuen sich so sehr darauf zu lernen, es ist erstaunlich. Ich kann mir nicht einmal – sie zwingen - sie zwingen die Erwachsenen einfach, es ihnen beizubringen, so sehr gefällt es ihnen. Nachdem sie eine Seite gemacht haben oder ein Buch fertig haben, kommen sie mit dem Buch in die Schule und sagen: "Aah! Ich hab's fertig. Aaaah! Willst du hören, was ich weiß?" Es entsteht aus ihnen selbst heraus, glaube ich, bei einigen von ihnen. Es gibt auch Leute, die ein Problem damit haben, und dann ist es schwieriger. Aber niemand wird hier gezwungen, und selbst sie lernen gerne, sie mögen es, ich kann es nicht erklären, sie lernen es gerne. Sie lernen gerne lesen und schreiben, und es macht ihnen einen solchen Spaß, es ist wie ein Spiel. Es ist ein Spiel. Die Buchstaben. Das ist sehr schön.

In Ecuador habe ich mit einem Jugendlichen aus der Pesta gesprochen, der glücklicherweise Französisch sprach (glücklicherweise, weil ich selbst auch französisch spreche, aber nur sehr wenig spanisch). Er war siebzehn Jahre alt, und war von zweieinhalb Jahren bis zum Alter von sechzehn Jahren auf der Schule gewesen.

In Ecuador gibt es Probleme mit Drogen. Ich habe Freunde, die Probleme mit Drogen haben. Aber nicht im Pestalozzi. Keines der Kinder, die im Pesta gewesen sind, zumindest kenne ich keines. Es wird nicht geraucht und auch nicht viel Alkohol getrunken. Ein wenig, weil sie ihn mögen, aber nicht, um betrunken zu werden. Man trinkt viel in Ecuador, aber nicht die Leute aus dem Pesta. Sie sind daran nicht besonders interessiert. Wenn man keine Probleme hat, sehe ich nicht ein, warum man keinen Alkohol probieren sollte. Enfach nur, um ihn auszuprobieren, vielleicht aus Neugier.

In Moo Baan Dek habe ich mich Namwaan gesprochen, ein Mädchen von siebzehn Jahren, die im Kinderdorf wohnte, aber jeden Tag auf die normale Hochschule ging. Ich habe sie gefragt, was sie als Erwachsene tun wollte.

Namwaan: Ich will unbedingt etwas mit Computer machen.

Ich: Lernst du Computer in deiner neuen Schule?

Namwaan: Sehr wenig. Es ist sehr anfängerisch. Ich habe den größten Teil davon, was ich weiß, hier in Moo Baan Dek gelernt.

Ich: Was vermisst du am meisten von Moo Baan Dek?

Namwaan: Freiheit. Man hat keine Freiheit dort. Ich meine, wenn Kinder etwas tun wollen, das weder die Gesesellschaft noch andere Leute verletzt, dann soll das ihnen erlaubt werden.

Ich: Fühlst du dich hier zu Hause? Eher als in irgendeinem anderen Ort auf der Welt?

Namwaan: Hier bin ich eher zu Hause. Ich bin streng mit diesem Ort verbunden, weil ich länger hier gewohnt habe, als in der Stadt wo ich geboren war. Ich kam aus dem Norden. Obwohl ich meine Heimstadt mag, habe ich eine stärkere Verbindung mit diesem Ort, weil ich hier neue Freundschaften gemacht habe, neue Leute getroffen habe, anderes erfahren habe, und, was das allerwichtigste ist, hier aufgewachsen bin.

Aber alles ist nicht immer friedlich und ruhig, selbst in den Schulen, wo die Kinder meistens bei ihren eigenen Familien wohnen. Hier ein sechzehnjähriges Mädchen aus Sands School:-

Die meiste Zeit über ist die Atmosphäre an der Schule gut, aber manchmal ist sie schrecklich und stressig. Ich glaube, das ist in Ordnung, weil wir uns bei Schulversammlungen und zu anderen Zeiten anschauen können, was den Streß verursacht und was wir an der Situation ändern können, um sie weniger stressig zu machen. Es hilft uns zu lernen, wie man mit Situationen umgeht, die stressig sind. Einige SchülerInnen glauben, daß die Schule ideal sei, aber ich glaube das nicht. Ich glaube auch nicht, daß sie das sein sollte oder sein kann.

Und zum Schluß zitiere ich einen Schulaufsatz von einem fünfzehnjährigen neuseeländischen Mädchen, das mit dreizehn von Tamariki, einer freien Schule, auf eine normale Gesamtschule umziehen mußte. Diese Aufsätze wurden nach einer Notenskala von eins bis fünf für Ideen und für Stil bewertet.

Wenn ich nur die Sprache richtig sprechen könnte. Wenn ich mich nur an das komplizierte Ratespiel anpassen könnte, das sich "Erziehung" nennt. Die Rollen von SchülerInnenn, LehrerInnenn und Eltern sind klar definiert, aber trotzdem kann ich mich irgendwie nicht dazu bringen wertzuschätzen, wie ich mich verhalten soll. Es wird erwartet, daß man vom ersten Schultag an die einzigartige Sprache und die Sitten des staatlichen Schulsystems erlernt. Man muß seinen Platz kennen und wissen, was man sagen darf und wann man es sagen darf. Man muß lernen, nicht viele Fragen zu stellen und nicht dem Standpunkt der LehrerIn zu widersprechen, sondern dazusitzen und es über sich ergehen lassen. Antworten darf man nur geben, wenn man gefragt wird; Fragen darf man nur stellen, wenn man dazu aufgefordert wird ­ diese Sprache sprechen.
Das Problem ist natürlich, was passiert, wenn einem die Sprache nicht beigebracht wurde; was passiert, wenn man auf eine Schule gegangen ist, in der ganz anders gesprochen wurde. Ein freier, ausdrucksvoller Dialog ohne Regeln, ohne Konventionen, nur Ehrlichkeit und manchmal Unverblümtheit, wo man sagte: "Tu das bitte nicht, das ärgert mich," oder "Ich bin da vollkommen anderer Meinung," anstatt einfach nur wegzugehen und still zu bleiben. Es ist schwer, eine neue Sprache zu lernen, wenn man dreizehn Jahre alt ist; es ist schwer, die alte aufzugeben, und ständig die neue Sprache zu benutzen. Und für jemanden, der einen starken Willen hat, einst geachtet, jetzt mißachtet, ist es noch schwerer, eine Sprache zu lernen, die so kalt und gleichgültig ist.

Und darunter hat die Lehrerin geschrieben "Ideen, 3, Stil, 3."

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