David Gribble : Education for Freedom Respect Children
     
Respect Children

 

 

 

Auf der Seite der Kinder

Aus einem Brief von Hartmut von Hentig an Peter Kalb vom Beltz Verlag, 8.8.1985

Auf der Seite der Kinder von David GribbleIch habe gestern ein erregendes Erlebnis gehabt: am vorletzten Tag meiner Ferien wollte ich in ein Buch “hineinschauen”, das seit vier Monaten bei mir liegt – eine von jenen Sendungen, mit denen die Verlage den ”wie wir wissen, an diesem Thema Interessierten” beglücken, in der Hoffnung, der werde etwas Freundliches darüber schreiben. Ich kann mich solcher “Gaben” nur in den Ferien annehmen, und auch dann nur flüchtig und eher pflichtgemäß als freudig. Nach zwei Seiten der Lektüre in David Gribbles Buch “Considering Children” habe ich mich nicht mehr losreißen können. Als ich in der Nacht damit fertig war, war ich auch entschlossen, mir diesen “Bundesgenossen” nach Deutschland zu holen: wir brauchen die moralishe und intellektuelle Ermutigung dieses Buchs für das Überleben der Reform Pädagogik bei uns.
David Gribble ist vor etwa 20 Jahren als Lehrer nach Dartington Hall gekommen, zu der progressive school Englands, war dort head der Junior School, dann der Middle School, und ist jetzt so etwas wie der General-Koordinator für Senior und Middle School.

Das Buch ist eine leidenschaftliche Rechtfertigung der Reformpädagogik – heute, zur Zeit der konservativen Wende, im Jammertal ökokonomischer Rezession. Gribble benutzt die Erfahrungen, die er in Dartington Hall gemacht hat, um eine philosopy of education zu illustrieren, zu beglaubigen, zu begründen, die er unbefangen “progressive education” nennt. In England leben das Wort und die Vorstellung ja aus einem überall gegenwärtigen und sichtbaren Gegensatz zur “repressive education” der Public Schools und ihrer kleinen Nachahmer, die noch heute einem Charles Dickens Stoff für schlimme Romane gäben, und die wir jedenfalls nur aus Romanen und Filmen kennen. Es baut diese philosophy vor und mit dem Leser auf:

  • aus Schlüssel-Erfahrungen, die er an beiden Schularten gemacht hat
  • aus Leit-Ideen, die sich dabei bilden: Achtung im Umgang zwischen Erwachsenen und Kindern (was ich gern überspitzt “Höflichkeit” nenne), die Aufhebung von Angst, Zuhören-und Abwarten-können, Neugier und Aufkärung, die Zuversicht, die nicht aus Vermeidung, sondern aus Bewältigung v on Problemen erwächst,
  • aus den Vor-Bildern (wie Gribble Rousseau oder Neill aufnimmt, undogmatsch liebevoll auslegt und auswählt, gehört zu den Kabinettstücken dieses Buchs!)
  • aus den Grundsätzen (über die Rolle von Freiheit, Regeln, Wahlmöglichkeiten, Selbstvertwaltung, Grenzen) . . .
  • Aus den Grund-Fragen: Für wen ist die Schule da? (Hier wie anderwärts arbeitet Gribble mit einer Typologie: adult-centred school, society-centred school, value-centred school, group-centred school, child-suppressive school etc. etc.)


werden die Prinzipien und Verfahren der progressive education ebenso mühelos wie systematisch abgeleitet – immer mit einfachen, überraschenden, notwendigen Korrekturen dessen, was eifrige und träge Mißverständnisse oder die “Feindpropaganda” daraus gemacht haben:

  • “A normal child wants to be good” versus “A normal child is (always) good”
  • “Progressive schools avoid rewards and punishments and rely on discussion and explanation” versus “Progressive education relies on reinforcement, prize-giving, never resisting the child”
  • “Progressive education wants children above all to be kind” versus “Progressive education wants children above all to be happy” - eine Forderung, die die ernstesten Voraussetzungen und Folgen hat!

“Leidenschaftlich” habe ich das Buch genannt. Das ist es gewiß, aber auf englische Art: unpathetisch, fair, sophisticated, witzig, entwaffnend, outspoken (die Passagen über Sexualität zum Beispiel) und also auch wieder ernüchternd. Das gibt dem Leser Sympathie ein und macht ihn mutig zu eigenem Urteil und Handeln.

Das Buch endet mit sehr praktischen Fragen von Eltern, Kommentaren von Kindern, einem Bericht über die Presskampagne gegen Dartington Hall in den Jahren 1983 und 1984, also mit einem Blick in das politische Umfeld von Reformpädagogik heute. Einige Bilder (etwa zwei Dutzend) sind vorzüglich ausgewählt und erzählen die Geschichte parallel noch einmal für das Auge. Das Ganze auf 180 Druckseiten.

Wenn Beltz – wo das Buch meines Erachtens hingehört – sich entschließt, “Considering Children” auf deutsch zu bringen, dann bin ich bereit, ein Vorwort zu schreiben, das dem Leser hilft, (a) in den englischen Beispielen und Situationen die deutschen Probleme und Lösungen wiederzuerkennen, und (b) die Ablehnung, die das Wort “progressiv” auslöst, aufzufangen. Vermutlich wird man es entweder im Englisch stehenlassen müssen oder ein deutsches Äquivalent dafür suchen: Reformpädagogik zum Beispiel (ein Wort, das freilich heute auch keinen Enthusiasmus auslöst).

 

Beltz hat das Buch sogar übersetzen lassen, und Hartmut von Hentig hat das versprochene Vorwort geschrieben. Auf deutsch heißt das Buch “Auf der Seite der Kinder".

Andere Bücher von David Gribble über demokratische Bildung.

 

 
 

 

 

 

 
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